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Montag, 30. November 2015

"Selbst die nur oberflächlichen Gesetze der Dinge bleiben unerkannt" (Fernando Pessoa)

Selbst die nur oberflächlichen Gesetze der Dinge bleiben unerkannt. Wer von uns könnte heutzutage mit einer größeren Logik, mit einer größeren Nützlichkeit eine Lebensregel für sich und andere hervorbringen? Alle wissen, was sie nicht wollen, aber niemand weiss, was er überhaupt will. Und selbst bei dem, was sie nicht wollen, wissen sie nicht, warum sie es nicht wollen. ... Unsere Taten und unsere Gedanken sind nicht mehr einfach, sie wurden aber auch nicht komplex. Sie sind konfus und perplex geworden; sie blieben Skizzen von Handlungen, ausgeräumte Denkweisen. Niemand hat mehr die Energie, einer Idee zu folgen oder einen Weg zu gehen. Unsere Vorsätze kreisen wie Wetterfahnen. Unsere Ideen fallen zu Boden wie trockene Blätter. Selbst unsere Laster sind traurig und schwach. Sie sind nicht aus einem heißen Exzess des Lebens heraus geboren, sondern aus dem eines Fiebers, einer Unruhe, die sagt, dass das Leben nicht reicht, ohne aber zu begreifen, was reichen würde. 
Quelle: Denken mit Fernando Pessoa 

Sonntag, 29. November 2015

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus Philosophie und Wissenschaft #21

Von Ralf Keuper

Wiederum eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

Hannah Arendt - Intellektuelle und die Machtergreifung Hitlers

Von Ralf Keuper

In einem Fernsehinterview mit Günter Gaus schilderte Hannah Arendt das Klima unter Intellektuellen in Deutschland 1933 und den Jahren davor. 


Freitag, 27. November 2015

Befähigung für das historische Studium (Jacob Burckhardt)

Für den, welcher wirklich lernen, d.h. geistig reich werden will, kann nämlich eine einzige glücklich gewählte Quelle das unendlich Viele gewissermaßen ersetzen, indem er durch eine einfache Funktion seines Geistes das Allgemeine im einzelnen findet und empfindet.  
Es schadet nichts, wenn der Anfänger das Allgemeine auch wohl für ein Besonderes, das sich von selbst Verstehende für etwas Charakteristisches, das Individuelle für ein Allgemeines hält; alles korrigiert sich bei weiterem Studium, ja schon das Hinzuziehen einer zweiten Quelle erlaubt ihm durch Vergleichung des Ähnlichen und des Kontrastierens bereits Schlüsse, die ihm zwanzig Folianten nicht reichlicher gewähren. 
Aber man muss auch suchen und finden wollen .. . Man muss glauben, dass in allem Schutt Edelsteine der Erkenntnis vergraben liegen, sei es von allgemeinem Wert, sei es von individuellem für uns; eine einzelne Zeile in einem vielleicht sonst wertlosen Autor kann dazu bestimmt sein, dass uns ein Licht aufgehe, welches für unsere ganze Entwicklung bestimmend ist.
Quelle: Weltgeschichtliche Betrachtungen

Sonntag, 22. November 2015

Die Entstehung der ersten Universitäten in Europa

Im konstitutionellen Sinne war die Universität aus der Dom- oder Kathedralschule hervorgegangen, die vom Bischof und den Domherren verwaltet wurde. Allmählich ging dann das Recht, Lehraufträge zu erteilen, aus den Händen des Bischofs in diejenigen des Kanzlers der Kathedrale über, und das Bedürfnis der Lehrer nach einer eigenen Organisation führte später zur Bildung von Magisterzünften oder -gilden, woraus sich mit der Zeit die Universität entwickelte. 

Eine Universität besaß damals eine sehr viel größere Verwandschaft mit einer Zunft oder Gilde, als uns dies heute bewusst ist. "Universitas vestra" war die höfliche Form, mit der irgendeine Körperschaft angeredet wurde, handelte es sich nun um eine Vereinigung von Magistern oder um eine solche von Schuhflickern, weshalb der Begriff "universitas" im Mittelalter niemals im absoluten, sondern immer in einem qualifizierten Sinne verwendet wurde; der Ausdruck "Universität von Paris" stellte nur eine praktische Abkürzung für jene "universitas" dar, in der Kanzler, Magister und Scholaren von Paris zusammengeschlossen waren. In ähnlicher Weise lautete die mittelalterliche Bezeichnung für einen Ort, an dem höhere Studien betrieben wurden "studium generale", doch verstand man darunter nicht etwa eine Institution, an der alle Fächer gelehrt wurden, sondern vielmehr eine solche, an der Studenten aus allen möglichen Teilen der Welt ihren Studien nachgehen können.  
Die Anfänge der Universität Paris gehen ungefähr auf das Jahr 1160 zurück. Doch erst im 13. Jahrhundert kann man von einer eigentlichen Universität sprechen, die nun nicht länger aus einer Reihe von Domschulen mit umherziehenden Lehrern bestand, sondern mehr oder weniger straff organisiert war und über eigene fest angestellte Professoren verfügte; wenn die Studenten den Grad des Baccalaureus erworben hatten, so stand ihnen der Besuch der höheren Fakultäten, nämlich der theologischen, rechtlichen oder medizinischen offen. Die Zunft der Magister hatte sich endgültig ihren Platz in der Stadt erobert. 
Quelle: Joan Evans: Das Leben im mittelalterlichen Frankreich

Weitere Informationen: 

Donnerstag, 19. November 2015

Die realen Kategorien in den Geisteswissenschaften sind nirgends dieselben wie in den Naturwissenschaften (Wilhelm Dilthey)

Die realen Kategorien sind aber in den Geisteswissenschaften nirgends dieselben als in den Naturwissenschaften. .. Keine reale Kategorie kann so, wie sie in der Naturwissenschaft gilt, für die Geisteswissenschaften Geltung beanspruchen. Wird das in ihr abstrakt ausgedrückte Verfahren auf die Geisteswissenschaften übertragen, so entstehen jene Grenzüberschreitungen des naturwissenschaftlichen Denkens, welche genau ebenso verwerflich sind als innerhalb der Naturwissenschaften das Hineintragen des geistigen Zusammenhangs in die Natur, aus dem die Naturphilosophie Schellings und Hegels hervorging. Es gibt in der geschichtlichen Welt keine naturwissenschaftliche Kausalität, denn Ursache im Sinne dieser Kausalität schließt in sich, dass sie nach Gesetzen mit Notwendigkeit Wirkungen herbeiführt; die Geschichte weiss nur von den Verhältnissen des Wirkens und Leidens, der Aktion und Reaktion.
Um gleichviel wie eine künftige Naturwissenschaft den Begriff von Substanzen als Trägern des Geschehens oder von Kräften als den Erwirkern desselben fortbilden mag zu neuen Begriffen: all diese Begriffsbildungen des naturwissenschaftlichen Erkennens sind für die Geisteswissenschaften irrelevant. Die Subjekte der Aussagen über die geschichtliche Welt vom individuellen Lebensverlauf bis zu dem der Menschheit bezeichnen nur eine bestimmte Art von Zusammenhang in irgend einer Abgrenzung. Und wenn die formale Kategorie des Verhältnisses vom Ganzen zum Teil diesem Zusammenhang und dem des Raumes, der Zeit, des organisierten Wesens gemeinsam ist, so erhält sie im Reich der Geisteswissenschaften aus dem Wesen des Lebens und dem ihm entsprechenden Verfahren des Verstehens erst einen eigenen Sinn, den eines Zusammenhanges, in welchem die Teile verbunden sind. Wobei auch hier nach dem Charakter der Evolution der in unsere Erfahrung fallenden Wirklichkeit das organische Leben als ein Zwischenglied zwischen der unorganischen Natur und der geschichtlichen Welt, sonach als eine Vorstufe der letzteren anzusehen ist.
Quelle: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften

Montag, 16. November 2015

Über die biologisch-ökonomische Denkart (Rudolf Eucken)

Da dieser Lebenstypus (der naturalistische, RK) alle Selbständigkeit des Geisteslebens verwirft, so kann geistige Betätigung ihm nur zusammen mit dem sinnlichen Dasein, als ein Stück oder Anhang von diesem bestehen. Daher hat jene sich ganz und gar dem Naturleben anzuschmiegen, nie kann sie eine Bewegung von sich aus erzeugen, nie eigene Wege verfolgen; die Seele hat hier keinen Eigenbesitz, sie empfängt alles aus der Umgebung und bleibt streng an sie gebunden. So erzeugt das Denken hier nicht selbständige Begriffe, sondern alle Begriffe werden bloße Abkürzungen sinnlicher Eindrücke, so gibt es keine reingeistigen Güter, sondern den Kern allen Glücks bildet der, wenn auch verfeinerte, sinnliche Genuss. Es bestimmt sich das aber genauer von dem Naturbilde her, das die mechanische Theorie entwirft und mit Hilfe der Abstammungslehre der Gegenwart eindringlich vorhält. Hier löst die Natur sich ganz und gar in ein Nebeneinander einzelner Kräfte auf, die in der Enge des Daseins hart zusammenstoßen und sich in unablässigem Kampf gegeneinander behaupten müssen. Dieser Kampf aber wird ein Quell des Fortschritts, indem er alles für die Selbsterhaltung Nützliche entwickelt, befestigt und sammelt; es entsteht damit eine biologisch-ökonomische Denkart, die alle bisherige Schätzung der Güter umkehrt. 
Nun entschwindet alles an sich Wertvolle aus der Welt, es muss jetzt als ein unklarer, ja sinnloser Begriff erscheinen; der allbeherrschende Wert wird das Nützliche, das, was die Lebewesen im Kampf ums Dasein fördert. So wird hier im Wahren nicht ein Wesen der Dinge erstrebt, sondern wahr heißen lediglich Vorstellungen und Gedankenmassen, welche die beste Anpassung der Menschheit an die Lebensbedingungen vollziehen und eben damit Individuen zusammenhalten; hier spricht zum Menschen nicht mehr ein Gutes aus überlegener Hoheit, sondern gut heisst, was innerhalb unserer Erfahrung der Erhaltung des Lebens dient; auch das Schöne ordnet sich dem Nützlichen ein und behauptet sich lediglich durch seine Leistung für die Lebenserhaltung. 
Quelle: Grundlinien einer neuen Lebensanschauung 

Sonntag, 15. November 2015

Der Impressionismus im Wandel der Zeit

Von Ralf Keuper

In diesem Jahr haben sich in Deutschland einige Ausstellungen mit der Geschichte und Bedeutung des Impressionismus beschäftigt, darunter:

Japans Liebe zum Impressionismus. Von Monet bis Renoir in der Bundeskunsthalle Bonn. 


Impressionismus - Expressionismus. Kunstwende in der Alten Nationalgalerie Berlin


Monet und die Geburt des Impressionismus im Städel-Museum Frankfurt.


Den Denkstil des Neoimpressionismus beschrieb Nello Ponente am Beispiel von Pissaro:
Dem Verhältnis Pissaros zur Wissenschaft liegt eine Idee zugrunde: er ist ein Sozialist, der an den Fortschritt zur Verbesserung der sozialen Gegebenheiten glaubt; denn die Wissenschaft kann das mühsame Dasein des Menschen erleichtern und durch die Logik ihres Verfahrens auch der Gesellschaft eine logische Struktur geben. Diese menschliche Seite des wissenschaftlichen Idealismus Pissaros spiegelt sich in seiner Malerei schon zur Zeit des Impressionismus. Fénéon hat von ihm gesagt, er habe "dem Neoimpressionismus seine mathematische Strenge der Analyse und die Autorität seines Namens zugebracht"; diese Bemerkung ergänzt Lionello Venturi, wenn er sagt, Pissaro habe vor allem durch seine gläubige und impulsive Menschlichkeit gewirkt. Der Divisionismus Pissaros ist jedoch nicht streng hieratisch streng wie der Seurats, denn er bleibt dem dreidimensionalen malerischen Raum treu; die Intensität des Lichtes aber ist das Ergebnis einer phantasievollen Intuition, welcher eine äußerste Geometrisierung des Raumes nicht entsprechen würde. Pissaro übernimmt zwar Theorie und Technik des Divisionismus, sucht aber mehr die Verschmelzung der Töne als die gleichzeitigen Kontraste. Im übrigen war dieses Experiment für ihn nicht von langer Dauer, denn er begann schon 1890 sich von ihm zu entfernen (in: Die Struktur der modernen Welt. 1850 - 1900)
Aber nicht nur die Vertreter des Neoimpressionismus erprobten neue Verfahren, auch die Impressionisten der ersten Stunde, wie Monet und Renoir, begannen mit neuen Methoden zu experimentieren:
Renoir bekennt an einem gewissen Punkt, dass er sich "in einer Sackgasse" befinde; als er 1881 nach Italien reiste, entdeckte er in Rom das, was er "die Weisheit Raffaels" nannte, und der Tribut, den er ihr auf dem Wege über Ingres zu schulden glaubte, belastete sein bisher problemloses Schaffen. Er hielt es aber nicht lange in dieser Zwangslage aus und fand schon 1885 den Weg in die Freiheit zurück. Selbst Monet, der Impressionist im eigentlichen Sinne, analysiert die Lichtwirkungen immer methodischer; im Hinblick auf den Impressionismus bemerkte er schon 1880, dieser sein einst eine Kirche gewesen und nun zu einer banalen Schule geworden, die allen offen stehe. .. Und doch bleibt der Impressionismus für alle Maler, auch wenn sie völlig andere Lösungen suchen wie Gauguin, van Gogh, Toulouse-Lautrec, ein einmaliger geschichtlicher Augenblick, denn ihm ist der erste entschlossene Bruch mit der Tradition gelungen, er hat den ersten Schritt zur Überwindung der objektiven Außenwelt getan, die fortan nicht mehr gegeben ist, sondern durch die Innenwelt des Künstlers, durch ein neues Bewusstsein ersetzt wird (ebd.).

Mittwoch, 11. November 2015

Wir mit unserer gemischten Sammlung von Theorien und Vorurteilen .. (John C. Eccles / Daniel N. Robinson)

Wir mit unserer gemischten Sammlung von Theorien und Vorurteilen werden künftigen Historikern als Studienobjekte dienen. Sie werden zweifellos erstaunt sein über die Leichtgläubigkeit, die wir bei allen möglichen modischen Ideen an den Tag legen, und nachdem sie deren Wert geschätzt haben werden, werden sie unsere Zeit zwischen die Musterexemplare von Weisheit und Torheit zurückstellen.

Wir werden natürlich alle tot und vergangen sein, wenn diese Urteile gefällt werden, aber das ist kein Grund, keinen guten Eindruck zu hinterlassen. Und wenn auch nur aus diesem Grund - es gibt weitaus zwingendere Gründe - müssen wir uns in Abständen über unsere alltäglichsten Konzeptionen klarwerden und bereit sein, einzugestehen, dass viele von ihnen unter die Rubrik: reine Ideologie, Aberglauben, fallen. Der historische Überblick zeigt, dass jedes Zeitalter bis jetzt seine besonders gehegten abergläubischen Vorstellungen hatte. Eine neue Zeit bricht an, wenn diese als solche identifiziert und verworfen werden. Eine neue Saat abergläubischer Ideen wartet schon im Verborgenen. Unsere abergläubischen Vorstellungen werden alle von einer kritischeren Nachwelt zurückgewiesen, aber einige von ihnen richten in unserer Zeit Schaden an und sollten ausgemerzt werden, selbst wenn es keine Zukunft gäbe, die auf uns zurückblicken könnte.
Quelle: John C. Eccles / John N. Robinson: Das Wunder des Menschseins - Gehirn und Geist

Meine Favoriten für die Rubrik Reine Ideologie, Aberglauben:

Montag, 9. November 2015

Angela Merkel: Kanzlerin ohne Augenmaß

Von Ralf Keuper

Der Regierungsstil von Kanzlerin Merkel war bisher nach landläufiger Meinung von einem gewissen Pragmatismus geprägt. Kritiker sprechen dagegen seit längerem vom Sich Durchwursteln (Muddling Through). Einige nennen es schlicht Opportunismus. 

Nun ist es für einen Spitzenpolitiker, um so mehr für eine Bundeskanzlerin, gewiss nicht immer einfach, die Balance zwischen Pragmatismus, Idealismus und Opportunismus zu finden. Es wäre ungerecht, der Kanzlerin vorzuwerfen, sich bei ihren Entscheidungen von Stimmungen und dem Willen zur Macht leiten zu lassen. Das taten vor ihr bereits Konrad Adenauer, Helmut Kohl und Gerhard Schröder. In Sachen Pragmatismus dürfte Konrad Adenauer wohl unerreicht sein. Sein langjähriger Wegbegleiter Carlo Schmid, seinerzeit einer der führenden Sozialdemokraten, beschrieb Adenauers Regierungsstil einmal so:
Politik bedeutete ihm rationaler Umgang mit der Macht, um sich dort behaupten zu können, wo der Gang der Dinge bestimmt wird und Energien ausgelöst werden, die nach außen und nach innen das Leben des Staates ausmachen. Seine Ideologie war einfach: Die Menschen sind so, wie sie immer waren, und reagieren darum, wie sie immer reagierten. Ihre Wünsche sind stets die gleichen: Sicherheit, Wohlstand, Geborgenheit des Leibes und der Seele und ein wenig Glück. Konrad Adenauer war kein sehr belesener Mann. Sein Vokabular war bescheiden und seine Gedankenwelt einfach. Er sah darin einen Vorzug für den Politiker, weil es ihm bei den Dingen des Staates nach seiner Ansicht um Probleme geht, die zu erfassen der gesunde Menschenverstand ausreicht und bei deren Meisterung hoher Gedankenflug nur schaden kann.
In seinem noch heute lesenswerten Vortrag Politik als Beruf machte Max Weber drei Qualitäten aus, über die ein Spitzenpolitiker im richtigen Maß verfügen sollte:
Man kann sagen, daß drei Qualitäten vornehmlich entscheidend sind für den Politiker: Leidenschaft – Verantwortungsgefühl – Augenmaß. Leidenschaft im Sinn von Sachlichkeit: leidenschaftliche Hingabe an eine »Sache«, an den Gott oder Dämon, der ihr Gebieter ist. Nicht im Sinne jenes inneren Gebarens ... : eine ins Leere verlaufende »Romantik des intellektuell Interessanten« ohne alles sachliche Verantwortungsgefühl. Denn mit der bloßen, als noch so echt empfundenen Leidenschaft ist es freilich nicht getan. Sie macht nicht zum Politiker, wenn sie nicht, als Dienst an einer »Sache«, auch die Verantwortlichkeit gegenüber ebendieser Sache zum entscheidenden Leitstern des Handelns macht. Und dazu bedarf es – und das ist die entscheidende psychologische Qualität des Politikers – des Augenmaßes, der Fähigkeit, die Realitäten mit innerer Sammlung und Ruhe auf sich wirken zu lassen, also: der Distanz zu den Dingen und Menschen. »Distanzlosigkeit«, rein als solche, ist eine der Todsünden jedes Politikers und eine jener Qualitäten, deren Züchtung bei dem Nachwuchs unserer Intellektuellen sie zu politischer Unfähigkeit verurteilen wird. Denn das Problem ist eben: wie heiße Leidenschaft und kühles Augenmaß miteinander in derselben Seele zusammengezwungen werden können? Politik wird mit dem Kopfe gemacht, nicht mit anderen Teilen des Körpers oder der Seele. Und doch kann die Hingabe an sie, wenn sie nicht ein frivoles intellektuelles Spiel, sondern menschlich echtes Handeln sein soll, nur aus Leidenschaft geboren und gespeist werden. Jene starke Bändigung der Seele aber, die den leidenschaftlichen Politiker auszeichnet und ihn von den bloßen »steril aufgeregten« politischen Dilettanten unterscheidet, ist nur durch die Gewöhnung an Distanz – in jedem Sinn des Wortes – möglich. Die »Stärke« einer politischen »Persönlichkeit« bedeutet in allererster Linie den Besitz dieser Qualitäten.
Was den Punkt Leidenschaft betrifft, maße ich mir kein Urteil an. Ähnliches gilt für den Punkt Verantwortungsgefühl, obschon das Handeln der letzten Zeit hier m.E. das nötige Maß vermissen lässt. Gravierende Defizite sind jedoch beim Punkt Augenmaß bzw. der Fähigkeit, die Realitäten mit innerer Sammlung und Ruhe und der nötigen Distanz zu den Dingen auf sich wirken zu lassen, nicht mehr zu übersehen. Hektik und eine Politik des Basta im Sinne von "Es gibt keine Alternative" oder "Es gibt keine Obergrenze", offenbaren neben einem bedenklichen Realitätsverlust auch totalitäre , plutokratische Züge. 

Kurzum: Eine Kanzlerin mit mangelndem Augenmaß. 

Weitere Informationen:

Psychogramm einer Kanzlerin

Wenn nicht Ethik, sondern Pragmatik als Richtschnur dient

Interview zu Merkel: „Imperialismus mit Tarnkappe"

Eine Auswahl von Beiträgen zur Flüchtlingskrise

Von Ralf Keuper

Hier eine subjektive Auswahl von Beiträgen zur Flüchtlingskrise, die ich für geeignet halte, um sich einen Überblick über den Stand der Diskussion zu verschaffen:
Beiträge, deren Positionen ich nur bedingt teile, die ich aber dennoch für wichtig halte, um sich ein Bild zu machen:
Ausdrücklich empfehlen möchte ich den Blog Wiesaussieht von Frank Lübberding.

Freitag, 6. November 2015

Muss der Versailler Vertrag von 1919 neu bewertet werden?

Von Ralf Keuper

Nicht nur in Deutschland herrscht in vielen Kreisen der Konsens, dass der Versailler Vertrag von 1919 mit den darin festgelegten Reparationszahlungen eine schwere Hypothek für die Weimarer Republik war, die wesentlich zu ihrem Scheitern beigetragen hat. Die festgeschriebenen Zahlungen waren für die deutsche Wirtschaft einfach zu hoch, weshalb sie in den 1920er Jahren nie richtig Tritt fassen konnte; ein Umstand, der Adolf Hitler in die Arme spielte. 

Für besonderes Aufsehen sorgte damals John Maynard Keynes mit seinem Erfahrungsbericht Krieg und Frieden. Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrags von Versailles. Die Neuauflage vor wenigen Jahren sorgte in den Feuilletons für rege Tätigkeit:
Da kommt Margaret McMillan, eine Urenkelin von Lloyd George, in ihrem Buch Die Friedensmacher. Wie der Versailler Vertrag die Welt veränderte, das bereits vor fünfzehn Jahren erschien und erst jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt, zu einer anderen Bewertung des Versailler Vertrages. In seiner Besprechung schreibt Ignaz Miller
Der britische Ökonom John Maynard Keynes, der als Vertreter des Schatzamtes der britischen Delegation in Versailles angehört hatte, begnügte sich für sein berühmt gewordenes - und blitzartig ins Deutsche übersetzte - Pamphlet „Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages“ mit Zahlenmaterial, das die deutsche Propaganda in der niederländischen Presse verbreitete. Entsprechend gering war die deutsche Zahlungskraft. Das Deutsche Reich holte jedoch beispielsweise aus dem besetzten Frankreich von 1940 bis 1944 über 600 Milliarden Francs heraus. Also in knapp vier Jahren ein Mehrfaches der gesamten deutschen, auf viele Jahrzehnte angelegten Reparationsverpflichtungen. Dies wird bis heute gerne übersehen.
Notiz am Rande: Nach dem Deutsch-französischen Krieg legte das Deutsche Kaiserreich dem besiegten Frankreich Reparationszahlungen auf, die so hoch ausfielen, dass in Deutschland ein Börsen- bzw. Gründerkrach die Folge war. Auf Wikipedia heisst es dazu: 
Nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/1871 beschleunigten die umfangreichen Reparationen, die Frankreich an das Deutsche Reich leisten musste, die wirtschaftliche Blüte der Gründerjahre. Ein Teil wurde als Reichskriegsschatz im „Juliusturm“ der Zitadelle Spandau bis 1918 gehortet. Insgesamt musste Frankreich 5 Milliarden Goldfranc an das Deutsche Reich zahlen.
Insofern verständlich, dass vor allem die Franzosen auf hohen Reparationszahlungen bestanden. Die Reparationszahlungen haben den deutschen Staat übrigens noch sehr lange, bis in das Jahr 2010 beschäftigt, wie die Zeit in Deutschland begleicht letzte Schulden aus Erstem Weltkrieg festhielt: 
Mit dem zwanzigsten Jahrestag der Wiedervereinigung am Sonntag werden letzte Zinszahlungen in Höhe von fast 200 Millionen Euro für Staatsanleihen fällig, die in den zwanziger Jahren aufgelegt wurden, um die Entschädigungszahlungen Deutschlands nach dem Krieg zu finanzieren.
Ob der Versailler Vertrag neu bewertet werden muss, vermag ich abschließend nicht zu beurteilen. Eine der Lehren aus dem Vertrag war jedenfalls, dass die Siegermächte nach dem 2. Weltkrieg es unterließen, Deutschland mit Reparationszahlungen die Chance zu nehmen, schnell wieder auf die Beine zu kommen, obwohl der Anlass dazu damals weitaus berechtigter gewesen wäre als 1919. 

Donnerstag, 5. November 2015

Regieren mit dem Ausnahmezustand

Von Ralf Keuper

Mit Blick auf die Politik der Bundesregierung in der Flüchtlingskrise drängt sich mir immer mehr der Eindruck auf, dass der Ausnahmezustand im Hintergrund Regie führt. Der höchst umstrittene Staatsrechtler Carl Schmitt prägte den Satz:
Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.
Was das angeht, kann man der Bundesregierung unter Angela Merkel kaum mangelnde Souveränität vorwerfen ;-)

Weitere Informationen:

Angela Merkels Willkür zerstört den Rechtsstaat in Europa

Flucht: Gedanken

Spätrömische Dekadenz?

Montag, 2. November 2015

Ein Stil, der gesucht und geschraubt wird, um aufzufallen, ist schlecht (Auguste Rodin)

Ein Stil, der gesucht und geschraubt wird, um aufzufallen, ist schlecht. Nur der Stil ist gut, der hinter dem handelnden Sujet zurück tritt, der die Aufmerksamkeit des Lesers ganz auf den seelischen Gehalt lenkt.
Künstler, die mit ihrer Zeichnung prunken, Schriftsteller, die das Lob auf ihren Stil lenken wollen, gleichen Soldaten, die sich ihrer Uniform brüsten, jedoch weigern würden, in eine Schlacht zu gehen, oder Ackersleuten, die, anstatt den Pflug in die Erde zu senken, nur darauf bedacht wären, die Pflugschar fortwährend blank zu putzen.
Die wahrhaft schöne Zeichnung und der wahrhaft schöne Stil werden niemals an und für sich gelobt. Man denkt gar nicht daran, weil das Interesse für das, was sie ausdrücken, vollkommen in Anspruch genommen ist. Dasselbe gilt für die Farbe. Es gibt in Wirklichkeit weder einen schönen Stil, noch eine schöne Zeichnung, noch eine schöne Farbe, es gibt nur eine einzige Schönheit, die Schönheit der sich offenbarenden Wahrheit. Sobald eine Wahrheit, eine tiefe Idee, ein mächtiges Gefühl in einem literarischen oder künstlerischen Werke kund wird, ist es ganz selbstverständlich, dass sein Stil seine Farbe und Zeichnung hervorragend sind. Diese Eigenschaft ist jedoch nur ein Reflex der Wahrheit. 
Quelle: Rodin. Die Kunst