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Donnerstag, 31. Dezember 2015

Der kombinatorische Schluss (Ernst Jünger)

Die hohe Einsicht wohnt nicht in den einzelnen Kammern, sondern im Gefüge der Welt. Ihr entspricht ein Denken, das sich nicht in abgesonderten und abgeteilten Wahrheiten bewegt, sondern im bedeutenden Zusammenhang, und dessen ordnende Kraft auf dem kombinatorischen Vermögen beruht. .. 
Das kombinatorische Vermögen unterscheidet sich vom nur logischen insofern, als es sich stets in Fühlung mit dem Ganzen bewegt und nie im Vereinzelten verliert. Wo es das Einzelne berührt, gleicht es einem Zirkel aus zweierlei Metall, dessen goldene Spitze im Zentrum fusst. Dabei ist es in weit geringerem Maße auf Daten angewiesen; es beherrscht eine überlegene Mathematik, die zu multiplizieren und potenzieren versteht, wo die gewöhnliche Rechenkunst sich mit einfachen Additionen behilft. ..  
Insofern es zu den Aufgaben des Verstandes gehört, die Dinge nach ihrer Verwandschaft zu ordnen, zeigt sich der kombinatorische Schluss dadurch überlegen, dass er die Genealogie der Dinge beherrscht und ihre Ähnlichkeit in der Tiefe aufzuspüren weiss. Der einfache Schluss dagegen sieht sich auf die Feststellung der Oberflächenähnlichkeit beschränkt und plagt sich damit ab, am Stammbaum der Dinge die Blätter zu messen, deren Grundmaß jedoch im Keimpunkt der Wurzel verborgen liegt. 
Quelle: Das abenteuerliche Herz 

Montag, 28. Dezember 2015

Grammatik-Mechanismus im Gehirn experimentell bestätigt

Von Ralf Keuper

Bereits vor einigen Jahrzehnten machte der Sprachforscher Noam Chomsky die Entdeckung einer angeborenen inneren Grammatik, die die Menschen dazu befähigt, Sprachen in relativ kurzer Zeit zu erlernen. In Fachkreisen ist das angeborene Regelverständnis, die innere Grammatik bis heute umstritten. Nun ist Forschern vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik und der New York University der Nachweis der inneren Grammatik gelungen, wie aus der Meldung Wir haben die Grammatik verinnerlicht: Experimente weisen angeborenes Regelverständnis nach hervorgeht: 
Die Studie, die jetzt in der Fachzeitschrift Nature Neuroscience erscheint, baut auf Chomskys Arbeit „Syntactic Structures“ von 1957 auf. Danach nehmen wir Sätze wie „Farblose grüne Ideen schlafen wütend“ als sinnlos, aber grammatisch richtig wahr. Dies funktioniert, weil wir eine abstrakte Wissensgrundlage besitzen, die eine derartige Unterscheidung zulässt, auch wenn unserer Erfahrung nach keine statistische Beziehung zwischen den Wörtern vorhanden ist.
Weiterhin heisst es über die Experimente:
Ihre Ergebnisse belegen, dass unser Gehirn drei verschiedene Komponenten der gehörten Sätze klar voneinander unterscheidet. Dabei spiegelt es die Hierarchie in der neuronalen Verarbeitung von linguistischen Strukturen wider: Wörter, Phrasen und Sätze. Die Rhythmen im Gehirn, sogenannte neuronale Oszillationen, die diesen Prozessen des Sprachverstehens zugrunde liegen, sind angepasst an die Zeitstruktur der jeweiligen Sprachstruktur, d.h. schnellere Rhythmen verfolgen Worte, langsamere verfolgen Sätze. 

... Mit dieser kontroversen Schlussfolgerung hat das Team eine alte Diskussion neu entfacht. Die Annahme einer abstrakten, hierarchischen und grammatikbasierten Strukturbildung war von der Forschung eigentlich längst verworfen worden.
Eine ebenso so kurze wie informative Einführung in Chomsky's Sprachtheorie gibt ein Video der BBC.
Hier noch ein Auszug aus Sprache und Politik:
Fortschritte in der Psychologie der Sprache
In dieser Konzeption dreht es sich beim Spracherwerb nicht darum, aus einer unendlichen Menge sehr verwickelter Hypothesen eine Hypothese auszuwählen. Sondern es geht darum, innerhalb eines von vornherein sehr stark beschränkten Systems, bei dem die Komplexität der Regeln ausgesondert und in die von Anfang an vorhandene Verdrahtung verlegt worden ist, die für eine "vollständige" Verdrahtung" noch fehlenden Parameterwerte festzulegen. Das müsste in etwa die richtige Sicht sein. Ich meine, ein System dieser Art ist intuitiv einleuchtend; es hat die richtige Art von qualitativen Eigenschaften. Mit seiner Hilfe ließe sich erklären, wie man auf Grundlage so geringen Datenmaterials so viel sprachliches Wissen haben kann, und weshalb die menschlichen Sprachen eine so reichhaltige Struktur haben, während sie ja andererseits keinesfalls ein Regelsystem haben können, das so komplex und umfangreich ist, dass man es gar nicht lernen kann. ...  
Eine allgemeine Lerntheorie 
Einer der Unterschiede zwischen dem Bild der frühen sechziger Jahre und unserer .. gegenwärtigen Vorstellung besteht darin, dass es dem gegenwärtigen Bild zufolge nur eine begrenzte Zahl von Sprachen, das heisst, von strukturell unterschiedlichen Sprachen gibt. Es gibt eine endliche Anzahl von Schaltern mit einer jeweils sehr kleinen Anzahl von Schaltzuständen, und aus jeder Gesamtheit von Schaltereinstellungen resultiert .. eine mögliche Sprache. Die frühe Konzeption besagte dagegen, dass es eine unendliche Anzahl von Grammatiken gibt und man sich dann die einfachste aneignet. Nun, diese neuen formalen Theorien gehen von recht vernünftigen Voraussetzungen in Bezug auf das Lernen aus, zum Beispiel davon, dass man sich an einzelne Dinge nicht allzu lang erinnern kann. Unter solchen Bedingungen ist das Erlernen eines stabilen Systems - nämlich der Sprache, wie man sie beherrscht, wenn man volle Kompetenz erlangt hat - nur möglich, wenn die Menge der grundsätzlich verschiedenen Sprachen - der Sprachen, die in einem präzis definierten Sinn strukturell verschieden sind - nur endlich viele Mitglieder hat. Das gibt uns einen Hinweis darauf, wie die Struktur der Universalgrammatik aussehen sollte. Sie sollte nur eine begrenzte Zahl verschiedener Grammatiken erlauben.  
Weitere Informationen:

Generative Transformationsgrammatik 


Samstag, 26. Dezember 2015

Roland Barthes - Meister der Dechiffrierkunst

Von Ralf Keuper

Roland Barthes war wie viele französische Intellektuelle in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Vertreter des Strukturalismus. Sein Forschungsinteresse galt in besondere Weise der Semiologie, der Wissenschaft vom Zeichen, welche später in Semiotik umbenannt wurde. Jedes strukturalistische Bedeutungssystem funktioniert wie eine Sprache. Das Subjekt ist in der Sprache aufgelöst.


Weitere Aussagen in dem Film:
Wir sprechen zwar eine gemeinsame Sprache .. aber wenn wir uns auf die Ebene der sogenannten Diskurse begeben, die aus Sprache bestehen, aber nicht nur Sprache sind, dann fallen diese Diskurse auseinander. Dieses gemeinsame Medium .. ist also durchzogen von ganz unterschiedlichen Ausdrucksweisen, die nur schwer miteinander kommunizieren. Wenn man sich sagt, ich schreibe für alle, also werde ich einfach schreiben, ist damit gar nichts gewonnen. Das Denken ist nicht von der Ausdrucksweise zu trennen. .. Ich denke mit ganz bestimmten Wörtern, und das trifft für jeden zu.
Weitere Informationen:




Freitag, 25. Dezember 2015

Foucault gegen Foucault (arte-Filmdokumentation)

Von Ralf Keuper

Aus Anlass des dreißigsten Todestages des französischen Philosophen Michel Foucault widmete arte dem Denker die sehenswerte und informative Filmdokumentation Foucault gegen Foucault


Weitere Informationen:

Die Wahrheit der Lüste. Zur Philosophie von Michel Foucault

Donnerstag, 24. Dezember 2015

Dienstag, 22. Dezember 2015

Was ist Synergetik? (Hermann Haken)

Das Wort Synergetik stammt aus dem Griechischen, .., und bedeutet so viel wie "Lehre vom Zusammenwirken". Wir wollen uns mit ihr fragen, ob es nicht trotz der Fülle verschiedenartigster Strukturen, die in der Natur auftreten, möglich ist, einheitliche Grundgesetze aufzufinden, aus denen heraus wir verstehen können, wie Strukturen zustande kommen. ...
Die Vorgänge der Strukturbildung laufen irgendwie zwangsläufig in bestimmter Richtung, aber keineswegs so, wie es die Wärmelehre voraussagte, keineswegs eben in eine immer größer werdende Unordnung. Ganz im Gegenteil werden auch noch ungeordnete Teilsysteme in den bestehenden Ordnungszustand hineingezogen und in ihrem Verhalten von ihm versklavt. Diese Zwangsläufigkeit der Entstehung von Ordnung aus dem Chaos ist, .., weitgehend unabhängig vom materiellen Substrat, auf dem sich die Vorgänge abspielen. Ein Laser kann sich in diesem Sinne ganz genauso wie eine Wolkenformation oder eine Zellansammlung verhalten. Offensichtlich haben wir es mit einem einheitlichen Phänomen zu tun. Das legt uns nahe, dass derartige Gesetzmäßigkeiten auch im nichtmateriellen Bereich anzutreffen sind. Hierzu gehört z.B. in der Soziologie das Verhalten ganzer Gruppen, die sich plötzlich einer neuartigen Idee zu unterwerfen scheinen, etwa der Mode, oder geistigen Strömungen der Kultur, einer neuen Richtung in der Malkunst oder einer neuen Stilrichtung in der Literatur. ...
In diesem Sinne kann die Synergetik als eine Wissenschaft vom geordneten, selbstorganisierten, kollektiven Verhalten angesehen werden, wobei dieses Verhalten allgemeinen Gesetzen unterliegt. Wenn eine Wissenschaft Aussagen von großer Allgemeingültigkeit macht, so hat dies zugleich auch seine Konsequenzen. Die Synergetik erstreckt sich auf ganz verschiedene Disziplinen, wie etwa Physik, Chemie, Biologie, aber auch Soziologie und Ökonomie. Aus diesem Grund werden wir erwarten, dass die von der Synergetik beschriebenen und entdeckten Gesetzmäßigkeiten mehr oder minder verborgen in verschiedenen Disziplinen schon vertreten sind. ...
Wie nun die Synergetik zeigt, wird uns bei komplexen Systemen die "relevante Information", der Gesamtzusammenhang, durch die Ordner geliefert, die gerade dann besonders deutlich in Erscheinung treten, wenn sich das makroskopische Verhalten der Systeme ändert. Im allgemeinen sind diese Ordner die langlebigen Größen, die die kurzlebigen versklaven. ..Wenn dort, wo Ordnung aus dem Chaos entsteht oder eine Ordnung in eine neue übergeht, so allgemeine Grundsätze gelten, dann muss diesen Vorgängen zugleich ein bestimmter Automatismus anhaften. Wenn wir diese Gesetzmäßigkeiten auch im wirtschaftlichen, soziologischen oder politischen Bereich zu erkennen lernen, wird es uns leichter, mit Schwierigkeiten des Lebens fertig zu werden. Wir erkennen z.B., dass eine gegen uns gerichtete Haltung anderer nicht auf einer Verschwörung gegen uns beruht, sondern die anderen Menschen aufgrund bestimmter kollektiver Verhaltensweisen so handeln, ja sogar handeln müssen. ... 
Die Synergetik gibt durch ihre Untersuchung kollektiver Effekte auch eine Antwort darauf, warum Diktaturen so stabil sind, obwohl das für die meisten in einem demokratischen Land lebenden Bürger völlig unverständlich ist. Die Antwort liegt in der sich selbst stabilisierenden Wirkung eines großen Systems. Damit der betreffende Ordnungszustand zusammenbricht, müssten eben gleichzeitig alle oder ein sehr großer Teil der Bürger aus dem sogenannten Ordnungszustand der Diktatur ausbrechen. Aber weil Diktaturen die Kommunikationsmöglichkeiten unter den einzelnen Mitgliedern so stark eingeschränkt haben und kontrollieren, können die Mitglieder nur jeweils unabhängig voneinander Ausbruchsversuche unternehmen, die scheitern müssen, weil die anderen Mitglieder der Gesellschaft gerade in diesem Moment an dem alten System festhalten oder aber in die verschiedensten Richtungen drängen und sich so in ihren Handlungen gegenseitig im Wege sind. 
Die Gedanken, die Hermann Haken in seinem Buch Erfolgsgeheimnis der Natur. Synergetik. Die Lehre vom Zusammenwirken niedergeschrieben hat und dem die zitierten Passagen entstammen, ähneln denen von Friedrich Cramer in dessen Buch Symphonie des Lebendigen. Versuch einer allgemeinen Resonanztheorie.  
Die Frage ist nun, ob und inwieweit die Schlussfolgerungen Hakens zulässig sind und empirischen Gehalt für sich beanspruchen können, insbesondere im gesellschaftlichen Bereich. Ein Kritikpunkt, der von verschiedenen Seiten gegen die Synergetik formuliert wird. In den meisten Fällen handelt es sich um Analogien und Argumente, die eine gewisse Plausibilität haben. 
Trotz dieser Defizite lohnt sich die Beschäftigung mit der Synergetik, da sie zu einem besseren Verständnis von Situationen, Problemstellungen und Konstellationen beitragen kann - nicht mehr und nicht weniger.

Montag, 21. Dezember 2015

Das Spinnennetz (Literaturverfilmung)

Von Ralf Keuper

Es gibt nur wenige Filme aus deutscher Produktion der letzten Jahrzehnte, die für sich beanspruchen können, ein Stück Filmgeschichte geschrieben zu haben. Um so einen Fall handelt es sich bei dem Film Das Spinnennetz, der auf dem gleichnamigen Fortsetzungsroman von Joseph Roth basiert. 

Die Produktion mit deutscher Starbesetzung - Ulrich Mühe, Klaus-Maria Brandauer und Armin Müller-Stahl in den Hauptrollen sowie Bernhard Wicki als Regisseur, fand international große Beachtung. 
Roth lag mit seinem Roman erstaunlich nahe an der Realität und den weiteren Ereignissen; die Machtübernahme Hitlers sollte zeigen, wie exakt Roth bereits Anfang der 1920er Jahre die Stimmung, vor allem in bestimmten gesellschaftlichen Gruppen, einfing. 

Roth konnte mit seinem schriftstellerischen und journalistischen Schaffen das Unheil, weder für sich noch für die Gesellschaft, aufhalten.

Sonntag, 20. Dezember 2015

Ernst Gombrich über sein Buch "Die Geschichte der Kunst"

Von Ralf Keuper 

Das Buch Die Geschichte der Kunst von Ernst H. Gombrich ist eines der populärsten Bücher, das je über Kunst geschrieben wurde, wie der Verlag nicht ohne Stolz hervorhebt. In einem Interview mit dem britischen Fernsehen aus dem Jahr 1995 äußert sich Gombrich etwas näher über die Beweggründe, die ihn seinerzeit zur Niederschrift veranlasst haben sowie über seine Sicht auf die Disziplin Kunstgeschichte als solcher. 


In der Fachwelt rätseln bis heute einige, wie das Buch diese Verbreitung finden konnte, galt Gombrich doch, wie es die ZEIT einmal auszudrücken beliebte, als Paradiesvogel seiner Gilde. Sein Schreibstil kommt ohne Übertreibungen und Emphase aus, darin seinem Freund Karl R. Popper ähnelnd. Verantwortlich für den Erfolg des Buches wird die gute Lesbarkeit gemacht, da Gombrich darin an den Erzählstil seines ersten schriftstellerischen Erfolgs, Eine kurze Weltgeschichte für junge Leser, anknüpfte. 

Der Kunst des 20. Jahrhunderts konnte Gombrich nicht viel abgewinnen. Für ihn fand die Kunstgeschichte in der Malerei des Impressionismus ihr vorläufiges Ende. Seitdem würden sich Fotografie und Malerei immer mehr aneinander angleichen. 

Donnerstag, 17. Dezember 2015

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg (Fernsehfilm in fünf Teilen)

Von Ralf Keuper

Die Wanderungen durch die Mark Brandenburg von Theodor Fontane geben, obgleich auf eine bestimmte Region beschränkt, einen guten Einblick in das gesellschaftliche und politische Leben Deutschlands im 19. Jahrhundert. Zu dieser Zeit war der bestimmende Einfluss, den Preußen im Deutschen Reich spielte und noch spielen sollte, für einen aufmerksamen Beobachter wie Fontane zum Greifen nahe. Es versteht sich, dass auch Fontane von subjektiven Urteilen nicht frei war. 
Ein unterhaltsames und lehrreiches Stück deutsche Geschichte. 

Der Fernsehfilm profitiert von der ausgesprochen guten schauspielerischen Besetzung ebenso wie von dem Erzähler Klaus Schwarzkopf

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Das Schloss (Verfilmung des gleichnamigen Romans von Franz Kafka)

Von Ralf Keuper

Der unvollendete Roman Das Schloss von Franz Kafka hat inzwischen den Rang eines Klassikers. Für viele ist es eine Parabel auf die Bürokratisierung, für die im Roman das Schloss mit seiner Verwaltung stellvertretend ist. Jedenfalls lohnt es sich, die Verfilmung mit Maximilian Schell in der Hauptrolle anzusehen. 

Alles Wissen gründet letzten Endes auf der Tradition (Joan Evans)

Alles Wissen gründet letzten Endes auf der Tradition; wir sehen uns nicht nur einer mehr oder weniger ungestalteten Masse überkommener Ansichten und Meinungen gegenüber, die wir fraglos zu den unsrigen machen, sondern auch eine Reihe widerlegter oder abgelegter Hypothesen, die wir ebenso fraglos zur Seite schieben. Weder empirische noch experimentelle Versuche können sich ganz von den Fesseln dieser Tradition befreien, selbst wenn sie zu ihr in Gegensatz stehen. Je mehr wir uns der geschichtlichen Vergangenheit bewusst sind, desto stärker sind wir unserem ererbten Wissen verhaftet und desto eher stehen wir in seiner Schuld; je mehr die Vergangenheit die Gegenwart an Folgerichtigkeit, Glanz und Kraft übertrifft, desto blinder ist unser Glaube an vergangene Lehren und Überzeugungen. ...
Besonders im Mittelalter fühlten sich die Menschen von der Größe der Vergangenheit überwältigt, so dass sie sich dieser nicht als Kritiker, sondern als folgsame und lernbegierige Schüler näherten. Wenn die Klassiker auch die einzige Quelle des Wissens darstellten, so schien diese Quelle unerschöpflich zu sein; aus ihr flossen Dichtung, Rhetorik, Geschichte, Philosophie, Naturwissenschaften, Recht und Politik, weshalb es im Bestiaire d'Amour von Richard Fornival heisst: "Jene Menschen, die vor uns lebten, wussten gewisse Dinge, deren Kenntnis sich heute kein Mensch mehr nur mit Hilfe seines eigenen Intellektes aneignen könnte, so dass wir sie nicht kennen würden, wären sie nicht von den Menschen in der Vergangenheit entdeckt worden". Je weiter das Mittelalter fortschritt, desto eingehender erforschte man die klassischen Quellen. Gewiss trifft es zu, dass die eigentliche Renaissance der klassischen Bildung erst zu Ende des Mittelalters eintrat, doch bedeutet dies nicht, dass es Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte gab, in denen das klassische Wissen völlig im Dunkel der Vergessenheit schlummerte. Es ist im Gegenteil möglich, eine sich stetig entfaltende Tradition festzustellen und sie durch die Jahrhunderte hindurch zu verfolgen, so dass die Renaissance als Gipfelpunkt einer Entwicklung erscheint, als die Geburtsstunde des freiheitlichen Denkens zu einer Zeit, in der die Klassiker endlich in ihrer ganzen Tragweite assimiliert worden waren.
Quelle: Das Leben im mittelalterlichen Frankreich 

Montag, 14. Dezember 2015

Digitalisierung: Identität wird prozesshaft

Von Ralf Keuper

Es ist eigentlich nur folgerichtig, dass, wenn der Alltag der Menschen digitaler wird, auch die Identität davon nicht ausgeschlossen bleibt. Was hat das für den einzelnen, für das Ich oder das Selbst zu bedeuten? Wird die Identität prozesshafter, d.h. unterwirft sie sich der Verarbeitungslogik der Informationstechnologie? 

Steht die Revolution für das Selbst bevor, wie das Goethe-Institut fragt? 
Während sich der klassische Begriff von Identität über äußerliche Merkmale definiert, also Name, Geburtsdatum, Wohnort, Unterschrift und unveränderliche biometrische Kennzeichen wie Augenfarbe und Fingerabdrücke, ist Identität im Internet dynamischer, prozesshafter. Sie ergibt sich zunächst aus den digitalen Spuren, die wir hinterlassen: Kommunikationsspuren, Ortsangaben, Konsumnachweise. Sie ergibt sich aber auch aus der Art und Weise, wie wir uns selbst inszenieren.
Wie weit muss die Sorge der Menschen um ihre Digitale Identität, ihr "digitales Double" im Netz gehen? Bob Blakey von IBM vertritt dazu in Philosophisches zur digitalen Identität einen klaren Standpunkt: 
Wenn jemand aber sagt, er mache sich Sorgen um seine Identität, dann hat das nichts mit der digitalen Variante zu tun. Man macht sich Sorgen über sein Verhalten oder über den Datenschutz, aber das ist nicht die digitale Identität an sich. Man könnte sich Sorgen darüber machen, dass eine digitale Identität die Privatsphäre verletzt. Das heißt aber vor allem, dass man sich Sorgen um das Verhalten der Firmen machen sollte, mit denen man Geschäfte eingeht.
Nirgendwo sonst, wie in den Sozialen Netzwerken, werden die Chancen und Risiken der Selbst-Definition mittels Digitaler Identitäten sichtbar. Beziehungen, so Robert Sakrowski in Identität und soziale Netzwerke, werden durch komplexe Verkettungen immer ferner:
Die Veröf­fent­li­chung der perma­nen­ten Selbst­re­fle­xion, der unun­ter­bro­che­nen Doku­men­ta­tion von Ereig­nis­sen, erschafft durch das Teilen im Sozia­len Netz­werk eine Form der Zeugen­schaft, die die eigene Präsenz und Exis­tenz in der Welt beglau­bi­gen soll. Der eigent­li­che Event, das Doku­men­tierte bzw. der Inhalt spielt dabei keine wirk­li­che Rolle. Das Ereig­nis ist austausch­bar, einzig als Medium oder Doku­ment bedeut­sam für die im Teilen ange­strebte Zeugen­schaft. Die Ande­ren und ihre zum Teilen bestimm­ten Welten werden auf diese Weise zum konsti­tu­ti­ven Bestand­teil des soge­nann­ten "Real Life" des Einzel­nen. Ist der Einzelne bereit, die Funk­tion der Zeugen­schaft für die Ande­ren zu leis­ten, kann er eher erwar­ten, dass diese auch ihm gegen­über erbracht wird.
Katie Ellies schlägt in Die Facebook-Philosophie: Identität, Objekte und/oder Freunde? den Bogen zur Sozialphilosophie von George Herbert Mead:
In Meads Verständ­nis sozia­ler Inter­ak­tion und kommu­ni­ka­ti­ver Iden­ti­tä­ten spie­len die Kompo­nen­ten „me“ und „I“ eine wich­tige Rolle. Das „me“ ist die orga­ni­sierte Gruppe von Haltun­gen ande­rer, die man selbst einnimmt, während das „I“ die Reak­tion des Orga­nis­mus auf die Haltun­gen ande­rer bezeich­net. Das Selbst ist mit der sozia­len Exis­tenz eng verknüpft. Wenn Face­book-Nutzer entschei­den, „was sie gerade beschäf­tigt“ oder wenn sie ihren Status aktua­li­sie­ren, liefern sie eine Darstel­lung des Selbst oder des „me“, das auf ihrer bereits erfah­re­nen Sozia­li­sie­rung beruht. Wenn beispiels­weise ein Freund etwas über Cricket am Boxing Day postet oder eine Freun­din sich über die Blicke älte­rer Mütter beschwert, wenn sie ihre Kinder in Shorts in die Schule bringt, wählen sie eine bestimmte Iden­ti­tät, die sie darstel­len möch­ten. Auf Face­book ist die Iden­ti­tät eine Wahl, ein Objekt, das wir proji­zie­ren möch­ten. Wenn „ich“ [I] meineFace­book-Seite pflege, dann wähle ich ein „Ich“ [me], das ich der Welt und mir selbst vermit­teln will. Meine persön­li­che Iden­ti­tät wird aus einer Auswahl sozia­ler Iden­ti­tä­ten bestimmt.  
Wird die Evolution des Selbst künftig begleitet von der Evolution der Digitalen Identität, wie sie Fernando Gebara Filho in The Evolving Role of the Identity: From the Lone User to the Internet grob angerissen hat?
Digital identities and their use are still evolving, based on the evolution of online services that are provided by the ubiquity of the Internet. Identity management is no longer merely a set of procedures for authentication, authorization, and provisioning of user accounts.
Weitere Informationen:

DIGITAL IDENTITY CONVENTION, 16. & 17.1.2016, NRW-FORUM DÜSSELDORF

The Path to Self-Sovereign Identity

Identity and Digital Self-Sovereignty

Sonntag, 13. Dezember 2015

Einige Notizen über Bildung (Oskar Maria Graf)

Demjenigen, der großes Wissen erstrebt, strömen die Fakten zu, dem Gebildeten erschließt sich jedesmal eine Welt. Diese Welt ist vielschichtig und nicht auf einmal zu bewältigen, wie der Wißbegierige annimmt. Sie verändert sich mit den verschiedenen Lebensaltern oft so sehr, dass das Neue, das dabei hinzukommt, stets wie eben entdeckt wirkt. Deswegen die jedesmalige tiefe, stille Begeisterung über so eine Neuentdeckung beim Gebildeten. Neue Tiefen hellen sich auf, und höhere Gefühlsreize entstehen dabei. Dadurch ändert sich der ganze innere Mensch fortwährend. Nicht nur seine geistige Selbständigkeit reift, nicht nur seine Witterung für das Wesentliche steigert sich, auch die Art, Aufgenommenes gedanklich und gefühlsmäßig auszuschöpfen, nimmt ganz bestimmte Züge an, und zuletzt ist er der Ausdruck alles dessen. An die Stelle von Übertriebenheit und Banalität tritt die zwingende, klare Einfachheit, und das Kennzeichen eines wahrhaften Gebildeten ist sein völliges Freisein von jeder eitlen Überheblichkeit. 
Quelle: An manchen Tagen - Reden, Gedanken und Zeitbetrachtungen