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Sonntag, 17. Juli 2016

Es gibt keinen guten Stil an sich (Eduard Engel)

Es gibt keinen guten Stil an sich, es gibt nur einen zweckmäßigen und einen zweckwidrigen Stil; jener ist der gute Stil, dieser der schlechte. Die größten Meisterwerke der Prosa aller Zeiten und Völker fügen sich dieser einfachen Erklärung. ... 
Höchste Zweckmäßigkeit also ist höchster Stil, und alle Mannigfaltigkeit der guten Stilarten, die ganze Fülle der Stilmittel ist in dem Grundgedanken der Zweckmäßigkeit enthalten. Ob im einzelnen Fall ein dichterischer oder prosaischer Stil, feierlicher oder alltäglicher, ernster oder heiter, stiller oder bewegter, schlichter oder geschmückter Stil vorzuziehen, ist einzig nach dem Zweck des Schreibenden und seiner Schrift zu entscheiden.  ... 
Die ganz großen Meister des Stils, die Verfasser der an den zehn Fingern herzuzählenden ewigen Prosawerke, haben das Wunder vollbracht, dichterische Größe und Gedankentiefe in eine Form zu gießen, durch die sie den Weisesten und den Einfältigsten, den Greisen und den Jünglingen, den Männern und Frauen gleichermaßen lieb und verständlich geworden sind. ... 
Jeder irgendwie bedeutende Schreiber legt bewusst oder unbewusst sein inneres Wesen, alles Wichtige, alles Bleibende seines Menschenwesens in seinen Stil. Fast immer entschwindet uns nach einiger Zeit der Inhalt des Gelesenen, oder es bleiben nur Bruchstücke. Stand aber hinter dem Buch ein deutlich sichtbarer Mensch, so hinterlässt dieser ein unverlöschliches Bild. Je mehr von seiner Persönlichkeit ein Schriftsteller in seinen Stil zu ergießen vermag, desto tiefer gräbt sich das Bild seines Wesens ein. 
Man kann von den meisten Büchern, selbst von den meisten bedeutenden, behaupten: Inhalt verweht, Form bleibt. 
Quelle: Es gibt keinen guten Stil an sich!, FAZ vom 11. Juli 2016

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