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Samstag, 3. September 2016

Die Fusion als neues Paradigma

Von Ralf Keuper

In der Wirtschaft ist ständig von Fusionen die Rede. Dennoch sorgen einige Meldungen, wie die, wonach die Deutsche Bank sich mit dem Gedanken trage, die Commerzbank zu übernehmen, für größeres Aufsehen. Einige Kommentatoren gaben jedoch zu bedenken, dass aus einer Fusion zweier schwächelnder Banken noch lange kein vitales Finanzinstitut hervorgeht. 
Fusionen sind häufig das letzte Mittel, zu dem Firmenchefs greifen, wenn das eigene Unternehmen seinen Zenit überschritten hat und aus eigener Kraft nicht mehr wachsen oder eine kritische Mindestgröße erreichen kann, wobei man darüber streiten kann, wie eine "Mindestgröße" definiert wird. 

Im September 2000 verfasste Nicole C. Karafyllis in der FR den Beitrag Wachstumsbranchen. Ob Zellkerne oder Wirtschaftsunternehmen. Es wächst zusammen, was nicht zusammen gehört. Die Fusion als neues Paradigma

Karafyllis wirft eine grundsätzliche Frage auf, wenn sie schreibt:
Wenn Unternehmen, Zellkerne und Atomkerne fusionieren, verbinden sich immer mindestes zwei Systeme. Fusionieren bedeutet allgemein, Systemgrenzen zu überwinden. Aber es schwingen unterschiedliche Konnotationen mit: Wer ist der größere und wer der kleinere, wer der stärkere und wer der schwächere, wer der aktive und wer der passivere, wer der identitätsstiftende und wer der einverleibte, resorbierte und gedanklich aussterbende Teil?
Fusionen stossen irgendwann an quasi natürliche Grenzen:
Fusion stellt die Frage nach Größe. Größe wiederum hat etwas mit Wachstum und Macht zu tun. In der Biologie fusionieren Ei- sowie Samen- und auch andere Zellen miteinander, damit Wachstum möglich wird. Ab einer bestimmten Größe beginnen Zellen sich wieder zu teilen, weil es sonst zu Versorgungsengpässen käme, und um das Überleben des Zellverbandes, genannt Lebewesen, zu gewährleisten. Die ökonomische Verbindung dagegen geht so lange, bis die Bilanz sie scheidet. 
Fusionen können schnell den Status eines Allheilmittels erlangen. Die Fusion ist damit per se positiv besetzt, liegt ihr doch ein Naturgesetz zugrunde:
Die Phänomene Fusion und Wachstum suggerieren, auch in der Ökonomie, eine eigendynamische Naturgesetzlichkeit, die uns in die bekannte Position der ohnmächtigen Marionette verbannt. Dabei sind wir Teil dessen, was um uns herum und letztlich ja auch mit uns passiert. Unternehmen werden von Menschen geleitet. Wo jedoch vorwiegend Aktienkurse interessieren, tritt die Frage nach dem Sinn und Zweck der Ökonomie in den Hintergrund. Und wenn man biotechnisch artfremde Lebewesen miteinander kreuzen kann, muss man nicht mehr danach fragen, was eigentlich Leben ist, wie es entsteht und sich erhält. Die gedankliche Abkopplung des Wertes von der Materie, die diesen Wert erst formt, erlaubt es, körperlose Wertzuschreibungen in Form von Kursen anzunehmen, deren Wachstum keine Grenzen gesetzt sind. 
Die Mehrzahl der Fusionen scheitert; die erstrebten Synergien und Kostenvorteile können nur selten realisiert werden. Über die Gründe wird indes eifrig diskutiert, wie in 
Noch immer lesenswert ist das Interview Wir sind doch nicht blind!, das der damalige Präsident des Bundeskartellamts, Wolfgang Kartte, im Jahr 1992 dem Spiegel gab. 

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