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Sonntag, 31. Januar 2016

Die tückischen und unheilvollen Eigenschaften wissenschaftlicher Modelle (Erwin Chargaff)

Eine der tückischsten und unheilvollsten Eigenschaften wissenschaftlicher Modelle ist ihre Fähigkeit, die Wirklichkeit zu schlagen und sich an ihre Stelle zu setzen. Oft dienen sie als Scheuklappen, indem sie die Aufmerksamkeit auf einen übertrieben engen Bereich beschränken. Keine Anwendung der Logik kann ein Modell als wahr beweisen, obwohl seine Unwahrscheinlichkeit oft leicht gezeigt werden kann. Das übertriebene Vertrauen zu Modellen hat viel zu dem gekünstelten und unechten Charakter großer Teile der gegenwärtigen Naturforschung beigetragen. 
Quelle: Das Feuer des Heraklit  

Samstag, 30. Januar 2016

Robert Walser - Portrait und Erinnerungen (Filmdokumentation)

Von Ralf Keuper

Der Schweizer Dichter Robert Walser wird häufig mit Franz Kafka verglichen. Anders als Kafka, muss Walsers Werk heute noch um seine Anerkennung kämpfen, wenngleich es in Fachkreisen seit geraumer Zeit zur Weltliteratur gezählt wird. Die Filmdokumentation bringt uns den Dichter und Menschen Robert Walser näher. 


Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus Philosophie und Wissenschaft #22

Von Ralf Keuper

Wiederum eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

Montag, 25. Januar 2016

Morgenland und Abendland: Zwischen Euphrat und Tigris

Von Ralf Keuper

Die sehenswerte arte-Dokumentation Zwischen Euphrat und Tigris aus der Serie Morgenland und Abendland macht die enge Verbindung und den intensiven kulturellen Austausch zwischen dem Morgen- und dem Abendland sichtbar. Das Zentrum der damaligen zivilisierten Welt war die Region zwischen Euphrat und Tigris, die weitgehend mit Mesopotamien und dem sog. Fruchtbaren Halbmond identisch ist. Der Film berichtet auch über die Entdeckung der Tempelanlage von Göbekli Tepe, die vor mehr als 10.000 Jahren errichtet wurde, und die mit der bis dahin als gesichert geltenden Ansicht aufräumte, die ersten Siedlungen seien erst sehr viel später entstanden. Die Forscher konnten dort Anlagen freilegen, die auf eine hohe Kunstfertigkeit der Handwerker oder Künstler schließen lassen, was wiederum auf eine komplexe arbeitsteilige Gesellschaft hin deutet. 


Der Kulturtransfer verlief über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende von Ost nach West, bis die Griechen eine eigene Kultur entwickelten, die für uns im Westen noch heute in vielen Bereichen des täglichen Lebens maßgeblich ist. Was der Film allerdings nicht oder nur unzureichend erwähnt, ist, dass die älteste Schrift, die Vinča-Zeichen, in Südosteuropa, der sog. Donauzivilisation, entstand, wie Harald Haarmann in Die Geschichte der Schrift betont. Mesopotamien folgte später. 

Haarmann schreibt:
Bis heute ist der Mythos lebendig geblieben, wonach die älteste Schrift der Menschheit in Mesopotamien entstanden sei: das altsumerische Schriftsystem, das piktografische Symbole verwendet. In der Tat stammen die ältesten unscheinbaren Tontäfelchen mit Warenlisten und Aufrechnungen in Mesopotamien aus der Zeit um 3.200 v. Chr. 

In den letzten Jahrzehnten sind nun aber weitaus ältere Schriftfunde bekannt geworden, und die stammen aus Ägypten und Europa. 
Haarmanns These ist in der Wissenschaft nicht unumstritten, zeigt aber, dass die Entwicklung der Zivilisation vielschichtiger verlaufen ist, als bisher angenommen. Unbestreitbar aber ist der große Einfluss, den das Morgenland auf die Kultur im Abendland für lange Zeit ausgeübt hat. 

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Sonntag, 24. Januar 2016

Auf dem Weg in die Knechtschaft 2.0?

Von Ralf Keuper

Wird unser Denken durch die Digitalisierung und Computerisierung gehackt? Dieser Eindruck kann sich während der Lektüre des Digital Manifests schnell einstellen. Darin äußern namhafte europäische Forscher die Sorge, dass die Verfahren der künstlichen Intelligenz und Big Data, wie Deep Learning und Machine Learning zu einer Bevormundung der Bürger führen, wie es am Nudging besonders deutlich werde; eine Methode übrigens, der Bundeskanzlerin Merkel recht aufgeschlossen gegenüber steht.  

Durch personalisierte Informationen besteht nach Ansicht der Forscher die Gefahr einer sog. "filter bubble", einem digitalen Gedankengefängnis. 

In der Summe können Big Nudging, Persuasive Computing und Personalisierte Informationen in einem Feudalismus 2.0 münden, auch "sanfter paternalismus" genannt. Eindrückliches Beispiel dafür ist das Projekt Citizen Score der chinesischen Regierung. 

Das Szenario eines Feudalismus 2.0 ist nicht neu. Bereits 1932 zeichnete Aldous Huxley in seinem Buch Schöne neue Welt ein ähnliches Bild, wie es aus dem Digitalen Manifest hervor tritt. In einem Fernsehinterview im Jahr 1958 erneuerte Huxley seine Kritik. 

Die Forscher formulieren zum Schluss 10 Thesen, um den Feudalismus 2.0 abzuwenden. Dabei legen sie den Schwerpunkt auf technische Aspekte, wie der Dezentralisierung der Informationssysteme. Ferner gelte es, die Informationelle Selbstbestimmung zu fördern. Ralf Nester sind die Forderungen noch zu unpräzise, wie er in Droht uns die digitale Diktatur? moniert. 

Wir werden von unseren eigenen Kontrollsystemen kontrolliert (Keith Haring)

Mein Erstauen gilt der Tatsache, dass die meisten Menschen ihr Leben heute auf den Glauben gründen, dass diese Unterschiede, die Veränderungen, nicht existieren. Sie ziehen es vor, diese Dinge zu ignorieren, und versuchen, ihre Existenz zu programmieren oder zu kontrollieren. Sie machen Pläne, gehen langfristige Verpflichtungen ein, stellen ein Zeitsystem auf und werden von ihren eigenen Kontrollsystemen kontrolliert. ... 
Menschen, so viel ist mir klar, können nicht so leben wie das Gras auf der Wiese. Vermutlich konnten sie es einmal, aber diese Zeit liegt uns so fern, dass es kaum mehr vorstellbar ist. sie können jedoch mit dem Einsicht leben, dass sie sich ständig verändern, abhängig von ihrer sich wandelnden Umgebung, den wechselnden Situationen und der Zeit. Sie können zumindest in Harmonie mit dieser Erkenntnis leben und damit koexistieren, statt dagegen anzukämpfen. 
Ich bin mir sicher, der moderne Mensch hat die Möglichkeit, diese Wirklichkeit ins Auge zu fassen, sich danach zu fragen, sie zu untersuchen, mit ihr zu leben, ja sogar ein Teil von ihr zu werden und dabei sehr viel angenehmer zu leben. Im Einklang mit einer unkontrollierbaren Wirklichkeit zu leben, der wir unterworfen sind, ob wir es wollen oder nicht. Wir haben keine Wahl außer der Wahl, wir wir mit ihr fertigwerden wollen.
Quelle: Keith Haring. Tagebücher 

Montag, 18. Januar 2016

Der Bitcoin-Schöpfungsmythos

Von Ralf Keuper

Fast jede Kultur oder Religion kann sich auf einen Schöpfungsmythos berufen. Auch die Digitalmoderne verfügt mit der digitalen Währung Bitcoin und ihrer Entstehungsgeschichte über einen vergleichbaren Mythos. 
Der mythologische Held ist in diesem Fall Satoshi Nakamoto, der Bitcoin im Jahr 2009 entstehen ließ. Bereits 2011 verließ der Meister die Gemeinde seiner Jünger ohne große Erklärung oder Ratschläge für die Zukunft. Als Vermächtnis hinterließ er der Glaubensgemeinschaft das Paper Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash SystemSeither ist er, wie die New York Times schreibt one of the great mysteries of the digital age. Das erinnert ein wenig an die Lebensgeschichte des Zauberers und Lebenskünstlers Don Juan Matus, die Carlos Castaneda in seinen Büchern festgehalten hat.  
Immer wieder tauchen Meldungen auf, in denen Zeugen berichten, sie hätten den echten Nakamoto erkannt. 

Die Schar der Jünger ist seit dem Verschwinden des Meisters damit beschäftigt, die frohe Botschaft zu verkünden. Mit Bitcoin sollen Dezentralität und Demokratie auch im Finanzwesen Einzug halten. Nach zahlreichen Rückschlägen, die von außerhalb des engen Kreises kamen, wagt nun ein Jünger den Mythos ins Wanken zu bringen. In The Resolution of the Bitcoin experiment rechnet Mike Hearn scharf mit der Bitcoin-Bewegung ab. Darin ist von Grabenkämpfen die Rede, in deren Zentrum die Frage steht, ob die Verarbeitungskapazität der Bitcoin-Blockchain erweitert werden soll oder nicht. Zwei Lager stehen sich gegenüber: Diejenigen, die eine Erweiterung ablehnen, und die Gruppe derer, die für eine Erweiterung plädieren. Auf der einen Seite die Dogmatiker, auf der anderen die Reformatoren, so könnte man es vereinfacht darstellen. 

Die Community reagierte leicht verschnupft bis gleichgültig, wie in Bitcoin-Entwickler sieht Kryptowährung gescheitert oder Abschied eines bockigen Kindes von Bitcoin. Ein typisches Muster beim Umgang mit Abweichlern und Häretikern, was nicht heißen soll, das hier nicht verletzte Eitelkeiten und eigene wirtschaftliche Interessen mit im Spiel sind. 

Das eigentliche Problem von Bitcoin sind nicht die schwankenden Kurse oder Verfehlungen einiger Personen oder Plattformen, sondern die Tatsache, dass es sich hier um ein soziales Gebilde handelt, mit allen Vor- und Nachteilen. Anders jedoch, als in einer gewöhnlichen Firma oder wirtschaftlichen Interessenvereinigung, ist Bitcoin stark ideologisch aufgeladen. Das bringt eine andere Qualität mit sich; Richtungs- und Glaubenskämpfe sind die natürlichen Begleiter. Technologie-Bewegungen sind hier keine Ausnahme. 

Überhaupt: Wie will eine digitale Währung für mehr Transparenz sorgen, wenn ihre eigene Entstehungsgeschichte über weite Teile im Dunkeln liegt? Wie lässt sich auf diesen Mythos ein neues Finanzsystem begründen?

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Neue Versuchungen der Unfreiheit? - Bitcoin als Ideologie

Samstag, 16. Januar 2016

Raymond Klibansky über die Nachfolger von Max Weber und Ferdinand Tönnies

Ich bewunderte die Soziologie von Weber und Tönnies, aber ich bewunderte sie vor allem, weil diese Soziologen über profunde Geschichtskenntnisse verfügten. Ich stellte fest, dass die nachfolgende Generation in der Soziologie ein Mittel sah, die Geschichte im Lichte bestimmter Begriffe zu bemeistern. Wenn man die Terminologie kannte, wenn man einen bestimmten Begriff benennen konnte, der die Phänomene zu erfassen schien, glaubte man schon, sie zu begreifen. Man ging nicht vom historischen Individuum oder von Fakten, sondern von Begriffen aus. Man subsumierte Ereignisse und Realitäten unter Begriffe, anstatt beim tiefen Wissen um die Einzigartigkeit der Geschichte und der Zeiterfahrung anzusetzen. Man ging von der Universalität der soziologischen Terminologie aus und wandte sie auf die Geschichte an - was in meinen Augen ein völlig falsches Vorgehen war. Mir schienen die Schüler Max Webers den Meister zu verraten. 
Quelle. Erinnerung an ein Jahrhundert. Gespräche mit Georges Leroux 

Freitag, 15. Januar 2016

String-Theorie und Multiversum: Wissenschaft oder pure Spekulation?

Von Ralf Keuper

Vor einigen Wochen trafen sich in der Ludwig Maximilians-Universität in München einige namhafte Wissenschaftler, um die Frage zu erörtern, ob und inwieweit sich die String-Theorie und die Theorie des Multiversums wissenschaftlich beweisen lassen. Dazu erschienen in den Medien diverse Berichte wie 
Kann die Frage mit Karl Popper und dessen Falsifikationsprinzip geklärt werden? Die Frage, ob das Falsifikationsprinzip dem wissenschaftlichen Fortschritt nicht im Weg steht, bewegt die Gemüter schon länger. Wo hört die Wissenschaft auf, und wo beginnt die (reine) Spekulation? Popper sprach mit Blick auf die Versprechungen einiger Forscher vom sog. Schuldschein-Materialismus. Irgendwann, so die Forscher, würden die endgültigen Beweise für ihre These vorliegen, es sei nur noch eine Frage der Zeit; bis dahin könne man mit gutem Grund von der Richtigkeit ihrer Annahmen ausgehen. 

Handelt es sich bei der String-Theorie und der Theorie des Multiversums um einen vergleichbaren Fall?
Vielleicht helfen an dieser Stelle einige Gedanken von Leonard Nelson weiter: 
Wenn nun die Vervollkommnung der Wissenschaft nur auf dem Wege über mehr oder weniger mangelhafte Begründung gelingt, so ist doch damit nicht gesagt, dass die vorläufigen Darstellungen, die die Wissenschaft zu durchlaufen genötigt ist, in ihren Ergebnissen irrig sein müssten. Denn ein unzulänglich begründetes Ergebnis braucht darum noch nicht falsch zu sein. Es verhält sich vielmehr im allgemeinen so, dass die Entdeckung neuer Wahrheiten der Ausbildung der zu ihrer Begründung erforderlichen Methoden voraneilt. Die Geschichte der Erfahrungswissenschaften und der Mathematik ist reich an Beispielen dafür, wie sich das Genie der großen Forscher gerade darin zeigt, dass die Entdeckungen zu Tage fördern, deren Begründung die methodischen Mittel, über die ihre Zeit verfügt, überhaupt nicht hinreichen. .. Den genialen Forscher leitet ein Wahrheitsgefühl, das ihn weiter und sicherer führt als die schulgerechte Anwendung methodischer Regeln. Mit diesem Wahrheitsgefühl begabt, nimmt er die Ergebnisse vorweg, zu denen sich die nicht mit dieser Gabe Begnadeten oft nur durch die vereinigte methodische Arbeit von Generationen den Weg bahnen (in: Leonard Nelson. Ausgewählte Schriften. Studienausgabe,herausgegeben und eingeleitet von Heinz-J. Heydorn)

Dienstag, 12. Januar 2016

Die Macht über-individuellen Fachwissens (Zygmunt Baumann)

Die Macht über-individuellen Fachwissens über die Lebenswelt des Individuums reproduziert sich selbst. Nachdem es sich effektiv aller lebensfähigen Alternativen entledigt hat, zeigt es eine virtuell ungehemmte Fähigkeit zu wachsen. Da es eher als eine Bedingung der Freiheit denn als Unterdrückung wahrgenommen wird, ist es unwahrscheinlich, dass seine Ausdehnung auf ernsthaften Widerstand trifft. Schließlich hängt die Autorität und gesellschaftliche Anerkennung nicht mehr von dem Erfolg seiner Ergebnisse ab. Falls es einem einzelnen Instrument oder Rezept einmal nicht gelingt, sein Versprechen zu erfüllen, resultiert daraus keineswegs eine Entzauberung; viel häufiger führt ein solcher Fehlschlag statt dessen zu Selbstvorwürfen und löst eine verstärkte Nachfrage und eine noch hektischere Suche nach einer besseren, effizienteren Dienstleistung von Experten aus. Wenn die Individuen einen Moment innehalten, um nachzudenken und sich die Richtlinien ihrer Lebensstrategie klarzumachen, werden sie wahrscheinlich die Aussichten auf ein glückliches, problemfreies Leben mit dem unaufhaltsamen Fortschritt von Fachwissen und der Technologie, die es erzeugt, identifizieren. 
Quelle: Zygmunt Baumann: Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit 

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Wir kochen Hagebuttenmarmelade III - ein Vortrag von Klaus Kusanowsky

"The Social Control of Knowledge in Democratic Societies" (Nico Stehr)

Sonntag, 10. Januar 2016

Markus Gabriel über die philosophischen Denkfehler prominenter Neurowissenschaftler

Markus Gabriel äußert sich in einem Interview mit dem General Anzeiger in Bonn u.a. über die Denkfehler führender Neurowissenschaftler wie Gerhard Roth und Wolf Singer

Auszug: 
Diese Unterart der Naturwissenschaften (Neurowissenschaften, RK) leidet am meisten unter philosophischen Denkfehlern und ihre Vertreter im öffentlichen Diskurs zeigen sich zudem äußerst unbegabt in philosophischen Fragen. Als Antwort bekommt man daher von dieser Seite meist nur Polemik und Kampf. Gute Antworten gab es bis jetzt noch keine. .. 
Die Neurowissenschaften sind eine fundierte Wissenschaft, die Dinge über das menschliche Gehirn herausgefunden hat, die man sich vor hundert Jahren ganz anders vorgestellt hätte. Nun ist es leider so, dass ein ganzer Typus dieser Wissenschaftler, bekannte Vertreter sind Wolf Singer und Gerhard Roth, sich teils unbewusst auf philosophische Gebiete wagen und dort so schlecht sind, wie wenn ich in der Chemie forschen und Wasser mit Kohlenstoff verwechseln würde. Was man dort philosophisch geboten bekommt, wäre nicht vertretbar, wenn man einige Semester Philosophie studiert und verstanden hätte. Ich richte mich gegen den Denkfehler, dass man Einsichten über die Struktur des Gehirns für Einsichten über die Struktur des Denkens hält.
Quelle: "Wir brauchen mehr Philosophie" - Markus Gabriel über philosophische Denkfehler

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Der integrierte Schaltkreis: Verbrennungsmotor der Digitalmoderne

Von Ralf Keuper

Wenn von der Digitalisierung die Rede ist, dann meistens in Verbindung mit dem Internet; bei näherer Betrachtung vielleicht noch mit dem PC oder dem Smartphone. Wer zum Futurismus neigt, bringt noch das Internet der Dinge ins Gespräch. Andere, wie George Dyson in Turings Kathedrale, verlegen den Übergang vom analogen zum digitalen Zeitalter in die Zeit, als die Forschergruppe rund um John von Neumann am Institute for Advanced Study intensiv an einem Universalrechner arbeitete. 

Dabei war es der eher unscheinbare integrierte Schaltkreis, der der Computerisierung zum Durchbruch verhalf, wie James D. Meindl schreibt: 
Der vielleicht bedeutendste Umbruch der vergangenen 50 Jahre ist die Hinwendung der Gesellschaft zu Weisen und Formen der Betätigung, deren hauptsächliches Produkt sich mit dem Begriff Information beschreiben lässt. Bewirkt hat diesen Wandel die rasante Entwicklung der Elektronik, insbesondere die ihres wichtigsten Produktes: des auf einem einzigen Siliciumchip untergebrachten integrierten Schaltkreis.
Seit seiner Erfindung im Jahre 1959 hat sich die Anzahl der Transistoren, die auf einem Chip Platz finden, von eines auf mehrere Millionen erhöht. Die Folge ist eine um mehr als zehntausendfach verbesserte Leistungsfähigkeit dieses zentralen Bausteins der Elektronik (in: Chips für künftige Computergenerationen, aus: Computersysteme , hrsg. von Jörg H. Siekmann).
Meindl stellte sich 1990 die Frage:
Wann wird ein Chip mit einer Milliarde Transistoren, der Prototyp der sogenannten Giga-Scale-Integration (GSI), kommerziell erhältlich sein?
Meindl ging von folgender Überlegung aus: 
Um diesen Zeitpunkt zu bestimmen, muss man die Faktoren analysieren, die der weiteren Integration Grenzen setzen. ..
Die theoretischen Grenzen basieren auf anerkannten Naturgesetzen und sind unverrückbar. Demgegenüber hängen die praktischen Grenzen von den Herstellungsverfahren und den Maschinen ab und gelten daher nicht absolut. Sie legen lediglich fest, was zu einem bestimmten Zeitpunkt im Rahmen der vorhandenen Technologien möglich ist. Die historische Analogie schließlich kann helfen, die langfristige Entwicklung der Informationstechnik durch den Vergleich mit der bereits vollzogenen Industriellen Revolution abzuschätzen (ebd.)
Die Geschichte des Integrierten Schaltkreises ist eng mit der Erfindung des Transistors und dem Unabhängigkeitsdrang der sog. Fairchild Acht verknüpft. Den letzten, entscheidenden Schliff verpasste Robert Noyce dem integrierten Schaltkreis, als er die Transistoren auf einem Silicium-Chip vereinte. Meindl erkennt im Silicium daher den entscheidenden Werkstoff der Informationsrevolution:  
Ich glaube, niemand wird bestreiten, dass Eisen der wichtigste Werkstoff der Industriellen Revolution war. Entsprechend ist Silicium der Schlüsselwerkstoff der Computer-Revolution. Wie Silicium nach Dotierung mit Verunreinigungsatomen das Ausgangsmaterial für einen integrierten Schaltkreis bildet, wurde Eisen mit anderen Elementen zu Stahllegierungen veredelt. Die Reihe von Analogien lässt sich mühelos erweitern, wenn man auch die Bauelementebene (Transistor/Kolben), die Schaltkreisebene (integrierter Schaltkreis/Verbrennungsmotor) und die Systemebene (Computernetz/Transportsystem) einbezieht.
Der integrierte Schaltkreis als Verbrennungsmotor der Digitalmoderne. 


Die integrierten Schaltkreise haben sich zu Prozessoren weiter entwickelt und ihre Einflussphäre weiter ausgedehnt, was man durchaus mit einiger Skepsis betrachten kann, jedenfalls dann, wenn man den Beitrag What's the point of secure software if you can't trust your CPU? auf sich wirken lässt. 

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Freitag, 8. Januar 2016

Klassifikationen spiegeln und lenken zugleich unser Denken (Stephen Jay Gould)

Die Taxonomie wird häufig als das stumpfsinnigste aller Fachgebiete betrachtet, als hirnlose Einordnungsarbeit, die gelegentlich innerhalb der Wissenschaft mit "Briefmarkensammeln" gleichgesetzt wird. Wenn Klassifikationen neutrale Hutständer zum Aufhängen der Fakten der Welt wären, wäre diese Verachtung vielleicht gerechtfertigt. Aber Klassifikationen spiegeln und lenken zugleich unser Denken. Die Methode, mit der wir einordnen, stellt die Methode dar, mit der wir denken. Geschichtliche Veränderungen der Klassifikationen sind die versteinerten Anzeichen gedanklicher Revolutionen.
Quelle: Wie das Zebra zu seinen Streifen kommt

Dienstag, 5. Januar 2016

Die Stilgeschichte ist ein Spiegelbild der Kulturgeschichte der Menschheit (Friedrich Jodl)

Die Stilgeschichte ist ein Spiegelbild der Kulturgeschichte der Menschheit: die Kunststile verkörpern ebenso viele Lebensstile und der genetische Zusammenhang zwischen den Formen, deren sich die einzelnen Stile bedienen, zeigt die Berührung und Verknüpfung der Völker ebenso, ja in vielen Fällen vielleicht noch deutlicher, als der sprachliche Zusammenhang. Die Stilgeschichte ist gleichsam ein Bilderbuch der Weltgeschichte.
Quelle: Ästhetik der bildenden Künste 

Montag, 4. Januar 2016

Max Weber - Die Entzauberung der Welt (Filmdokumentation)

Von Ralf Keuper

Eine informative Filmdokumentation über Max Webers Leben und Werk. 

Max Webers Definition der Soziologie: 
Soziologie ist eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will. 

Der Wähler fragt - Die Politiker antworten I Loriot

Eine Diskussions- bzw. Talkrunde von bestechender Aktualität. 


Sonntag, 3. Januar 2016

Zeugen des Jahrhunderts - Wolfgang Koeppen im Gespräch mit M. Reich-Ranicki

Von Ralf Keuper

Ein ausgesprochen sehens- und hörenswertes Interview, das Marcel Reich-Ranicki im Jahr 1986 mit dem Schriftsteller Wolfgang Koeppen geführt hat. Koeppen wurde in den 1950er Jahren vor allem durch seine Trilogie des Scheiterns (Tauben im Gras, Das Treibhaus, Der Tod in Rom) bekannt. Später versiegte seine Schaffenskraft allmählich, größere Buchprojekte, Romane gar, fasste er nicht mehr an. 


In dem Gespräch geht es u.a. um Koeppens Werdegang als Schriftsteller nach dem Krieg. Daneben kommt aber Persönliches zur Sprache. Befragt nach seiner größten Leistung sagte Koeppen, diese sei, das Dritte Reich überlebt zu haben, ohne sich beschmutzt zu haben. Auf diese Leistung sei er stolz.

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Die befreiende Kraft der Sozialwissenschaft (Pierre Bourdieu)

.. anders als der Augenschein es will, ist die befreiende Kraft der Sozialwissenschaft um so größer, je mehr an der Notwendigkeit sie wahrnimmt und je besser sie die Gesetzmäßigkeiten der sozialen Welt erkennt. Jeder Fortschritt in der Erkenntnis der Notwendigkeit ist ein Fortschritt in der möglichen Freiheit. Wohingegen des Nichterkennen, das Verkennen der Notwendigkeit eine Form der Anerkennung der Notwendigkeit beinhaltet, und vermutlich die absoluteste, die totalste, wie sie von sich selbst absieht. Die Erkenntnis der Notwendigkeit impliziert dagegen keineswegs die Notwendigkeit dieser Anerkennung. Im Gegenteil: Sie macht die Möglichkeit von Wahlentscheidungen sichtbar, die in jeder Beziehung des Typs: wenn man das hat, dann wird man das haben, enthalten ist: Die Freiheit, die in der Wahl besteht, das wenn zu akzeptieren oder aber abzulehnen, ist solange sinnlos, solange man die Beziehung nicht kennt, die zwischen diesem wenn und einem dann vorliegt. Die Offenlegung der Gesetzmäßigkeiten, die das laisser-aller (das heisst die unbewusste Anerkennung der Bedingungen der Realisierung der vorausgesehenen Effekte) voraussetzen, erweitert den Bereich Freiheit. Ein unerkanntes Gesetz ist wie Natur, ist Schicksal; ein erkanntes Gesetz erscheint als Möglichkeit von Freiheit. 
Quelle: Pierre Bourdieu: Soziologische Fragen 

Freitag, 1. Januar 2016

John Wyclif - Morgenstern der Reformation

Von Ralf Keuper

Im 14. Jahrhundert forderte der englische Theologe und Priester John Wyclif den Klerus der katholischen Kirche mit seinen Schriften und Predigten heraus. 

Es sei, so Wyclif, nicht die Aufgabe der Kirche, Reichtümer anzuhäufen. Damit zielte Wyclif u.a. auf den schwunghaften Ablasshandel, den die katholische Kirche zu jener Zeit betrieb. Später verschärfte Wycliff den Ton gegenüber der Kirche und ihren Lehren zunehmend. Das Fass zum Überlaufen brachte die Übersetzung der Bibel in die englische Sprache unter der Leitung von Wyclif - eine Revolution. Ein Projekt, das Martin Luther später für die deutsche Sprache in Angriff nahm. 
Sätze, wie die folgenden, sorgten dafür, dass der Erzbischof von Canterbury seine Bemühungen verstärkte, den unbequemen Wyclif als Ketzer zu brandmarken und ihn von seinem Lehrstuhl in Oxford zu vertreiben:
Dass es etwas von der großen Masse geglaubt wird, sagt nicht, dass es unbedingt wahr ist. Jeder ist dazu berufen, ein Verwalter Gottes zu sein. ... Jeder Mann hat ein Recht dazu, selbst in der heiligen Schrift zu forschen, sie in seiner eigenen Sprache zu lesen, auf dass er lerne, wie er Gott dienen soll. Es reicht nicht, die Auslegung der heiligen Schrift der Kirche zu überlassen.  
Mit Forderungen wie diesen würde sich auch heute noch ein Priester oder Theologe schnell ins Abseits manövrieren. 


Die Spitze der englischen Kirche reagierte auf die Übersetzung der Bibel ins Englische mit Entsetzen. Der Erzbischof von Canterbury ließ verlauten:
Sollen Gottes Gebote, die uns in der gelehrten Sprache überliefert worden sind, so entwürdigt werden, so ihrer Erhabenheit beraubt und in ihrer Bedeutung so entkräftet werden? Wie soll die gemeine Sprache des gemeinen Mannes ihre Weisheit angemessen übermitteln? Hat nicht der selige St. Augustinus ausdrücklich erklärt, dass es nur für Gottes geweihte Priester erforderlich wäre, die heilige Schrift zu verstehen, dass sie allein dieses heilige Wissen weiter geben sollen? Gott hat den Schatz seines Wortes der Obhut seiner heiligen Kirche anvertraut, damit nicht unwissende Menschen es zu ihrem eigenen Verderben interpretieren sollen. 
Wyclif entgegnete auf die Kritik:
Werden nicht einige die heilige Schrift falsch anwenden und auslegen? Ja. Aber würde der Missbrauch verhindert, wenn man die heilige Schrift im Besitz des Klerus und der Kirche belassen würde? .. Es hat den Missbrauch nur gefördert. Wir werden das Wort Gottes Gottes Kindern übergeben und sein Geist wird sie führen. Sie werden Zeit brauchen, um darin zu wachsen und es zu verstehen. Aber ich fürchte mich vor der Strafe, wenn wir es nicht wagen, dieses Wort auszuteilen. 
Von Wyclif entscheidend in seinem Denken und Handeln beeinflusst wurde Jan Hus.  


Weitere Informationen:

John Wyclif – Ein Kämpfer für Reformen