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Sonntag, 28. Februar 2016

Das Anfangsstadium der Schriftanwendung ist eine Herausforderung für das abstrakte Denkvermögen (Harald Haarmann)

Das Anfangsstadium der Schriftanwendung ist eine Phase der Herausforderung des abstrakten Denkvermögens durch die Bedürfnisse einer aufstrebenden Zivilisation, ein ständig wachsendes Maß an Informationen zu akkumulieren und wiederverwendbar zu machen. Die Art und Weise, wie das abstrakte Denken funktioniert und für die Schöpfung einer Originalschrift eingesetzt wird, weist auf eindeutige Kulturabhängigkeit. Dies ist ein entscheidender Grund dafür, weshalb in den Originalschriften die kulturelle Realität nach spezifisch lokalen Bedingungen ver"zeichnet" wird, und dies gilt auch für die Wiedergabe universell bekannter Grundbegriffe wie "Mann", "Frau", "Sonne", "Berg", "Hand", "schlafen" oder "trinken". 
Quelle: Harald Haarmann. Geschichte der Schrift  

Dienstag, 23. Februar 2016

Nicolaus August Otto - Der Kaufmann, der den Motor erfand

Von Ralf Keuper

Vor 125 Jahren starb der Erfinder des nach ihm benannten Otto-Motors, Nicolaus August Otto. Kaum eine andere Erfindung hat das Leben der Menschen so verändert, wie der Viertakt-Verbrennungsmotor.


Das Besondere an Nicolaus Otto ist, dass er von Beruf Kaufmann und kein Ingenieur war. Seine Erfindung beschrieb Otto in seinen eigenen Worten: 
Die ganze Maschine ist von großer Einfachheit und Leichtigkeit und kann nach Belieben in Tätigkeit oder Stillstand gesetzt werden. Ein Quart Spiritus genügt, dieselbe bei der Stärke einer Pferdekraft, drei Stunden in Tätigkeit zu halten. Das Material, was auch allerorten leicht zu beschaffen ist, nimmt mithin keinen nennenswerten Raum ein, und kann daher die Maschine zur Fortbewegung von Gefährten auf Landstraßen leicht und nützlich verwendet sowie auch der kleineren Industrie von erheblichem Nutzen werden. 
In dem Buch Kraft für die Welt, das aus Anlass des 100jährigen Bestehens von Klöckner Humboldt-Deutz verfasst wurde, heisst es weiter:
Otto erkannte, dass das Wesen des Motors in der Beherrschung der Verbrennung liegt, und damit war das Kernproblem des Verbrennungsmotors angesprochen. Während alle vorangegangenen Motorenversuche keine weiteren Entwicklungen nach sich gezogen haben, liegt die Bedeutung des Otto-Patents darin, dass es ein allgemeines Verfahren, nicht aber eine einmalige Konstruktion beschreibt. Die dargestellte Maschine war ein leicht abzuänderndes Beispiel. Rechtlich lag hierin die Schwäche des Patentes, wegen der es später fast völlig entwertet worden ist. Doch die Bedeutung einer Erfindung in der Wirtschafts- und Technikgeschichte liegt nicht in dem Wert eines Patentes.

Von hier aus begann der Siegeszug des Motors, alle weiteren Entwicklungen beruhen auf Ottos Arbeit, keiner der frühen Versuche ragt in die Zeit der Motorisierung hinein. Daimler, Maybach haben den Ottomotor zum schnellaufenden Kraftwagenmotor weiterentwickelt. Ein Ottomotor war es, der 1903 den Gebrüdern Wright den ersten Motorflug gelingen ließ. Rudolf Diesel erdachte und konstruierte den Motor mit Selbstzündung des eingespritzten schwerflüchtigen Kraftstoffes. Auch sein Motor ist ohne Otto undenkbar. Der Dieselmotor ersetzte auf Schiffen den Dampfantrieb und gab der Industrie eine Kraftmaschine höchster Wirtschaftlichkeit.
Ähnlich wie der Mikroprozessor ganze Industrien verändert hat, sorgte der Verbrennungsmotor für die Entstehung ganz neuer Einsatzfelder: 
Die Ausbreitung des Motors und damit der Aufbau der Motorenindustrie beruhte einerseits auf der technischen Reife des Motors, andererseits auf seiner besonderen Eignung für bestimmte Zweige der Industrie und des Verkehrs. Es war kein Ersatz der Dampfmaschine, sondern eine Kraftmaschine eigener Art, die der Mechanisierung neue Gebiete erschloss.
Zum Verhängnis wurde Otto die Schwierigkeiten, seine Erfindungen patentieren zu lassen, wobei es wohl auch zu Nachlässigkeiten auf seiner Seite gekommen ist. Profiteur dieser Haltung war u.a. Robert Bosch. Zu den engsten Mitarbeitern Ottos bei den Deutz Motorenwerken zählte u.a. Gottlieb Daimler, der später den Automobilbau entscheidend beeinflussen sollte. Das Verhältnis der beiden war nicht ohne Spannungen. Otto selber hatte schon sehr früh die Anwendung des Verbrennungsmotors für Fahrzeuge im Sinn. Prägend war dabei seine Erfahrung als Handelsreisender. 

Montag, 22. Februar 2016

Invention ist ein vorsichtiges Eintauchen in die Negation außerhalb des Systems (Glenn Gould)

Das Problem beginnt, wenn man die Künstlichkeit all dessen vergisst, wenn man es unterlässt, jenen Festsetzungen Achtung zu zollen, die für unseren Geist - für unsere Reflexsinne, vielleicht - aus der Musik ein analysierbares Erzeugnis machen. Der Ärger beginnt, wenn wir anfangen, so beeindruckt zu sein von den Strategien unseren systematisierten Denkens, dass wir vergessen, dass es sich auf eine Kehrseite bezieht, dass es herausgehauen ist aus der Negation, dass es nur einen sehr geringen Schutz bietet gegen die Leere der Negation, die uns umgibt. Und wenn das geschieht, wenn wir diese Dinge vergessen, beginnen alle möglichen mechanischen Ausfälle die Funktion der menschlichen Persönlichkeit zu stören. Wenn die Menschen, die eine Kunst wie die Musik ausüben, zu Gefangenen jener positiven Annahmen des Systems werden, wenn sie vergessen, jenes Geschehnis gegen die Negation, welches das System ist, anzuerkennen, und wenn sie den Respekt verlieren vor der Unermeßlichkeit der Negation im Vergleich zum System - dann machen sie sich selbst unerreichbar für jene Erfüllung der Invention, auf die schöpferische Ideen angewiesen sind, denn Invention ist, in der Tat, ein vorsichtiges Eintauchen in die Negation, die außerhalb des Systems liegt, von einer fest im System verankerten Postion aus. ... 
Die praktischen Anliegen des systematisierten Denkens und die spekulativen Möglichkeiten des schöpferischen Instinkts im Gleichgewicht zu halten wird die schwierigste und wichtigste Aufgabe Ihres Lebens in der Musik sein.
Quelle: Glenn Gould: Von Bach bis Boulez 

Mittwoch, 17. Februar 2016

Deutscher Größenwahn, oder: Scheitern als historische Mission

Von Ralf Keuper

Hin und wieder überkommt einen der Verdacht, als würde in der deutschen Politik Hegels Gedankenwelt im Hintergrund die Regie führen. Demnach stellt der Weltgeist, der in der Geschichte nach Ausdruck verlangt, Deutschland vor Aufgaben, die zu bewältigen einzig der deutsche Genius in der Lage ist. Da gibt es dann kein Sowohl-als-auch, sondern nur noch ein Entweder-Oder. Alles andere ist ein fauler Kompromiss, eine Verweigerung der historischen Mission, ein Zeichen von Seinsvergessenheit. Welche Vorteile diese Mission, auch für die anderen Länder, haben soll, ist indes nicht immer klar; häufig bleibt es nebulös. Schnell treten Durchhalteparolen an die Stelle politischer Strategien. Eine ähnliche Situation hatten wir in Deutschland am Vorabend des 1. Weltkriegs.
Die Haltung der deutschen Regierung im Kaiserreich beschrieb Sebastian Haffner einmal so: 
Wofür wollte Deutschland in seiner großen Epoche die Welt verändern? Was sollte Europa von dem deutschen 20. Jahrhundert Neues, Wichtiges, Besseres empfangen? Es gab keine Antwort. Macht um der Macht willen, Herrschaft um der Herrschaft willen - >weil wir jetzt dran sind< - >weil wir die Stärkeren sind<: das ist keine Legitimation. Das erweckt nichts als Widerstand und Hass. Damit ist kein Weltreich zu gründen (in: Die sieben Todsünden des Deutschen Reiches im 1. Weltkrieg)
Mögen einige politische Entwürfe sich in der Theorie als undurchführbar erweisen, so obliegt es der deutschen Gründlichkeit diesen Beweis auch in der Praxis anzutreten; sonst macht es nämlich keiner - vielleicht aus gutem Grund?

Karl Popper 
führte die Anfälligkeit der deutschen Eliten, und das durch alle politische Lager, für überspannte Politikentwürfe auf die Zeit unmittelbar vor 1848 und die Abkehr von Kant hin zu Hegel zurück:
Die Deutschen standen schon vor 1848 vor einer Entscheidung: Kant oder Hegel? Sollen wir den Frieden wählen, oder die Macht des Staates? Zu ihrem Unglück wählten sie Hegel und das Gerede. Das konnte man mit geringerer Anstrengung erlernen. (in: Die Welt im Gespräch mit dem Philosophen Sir Karl Popper, Sonderdruck Februar 1990)
Später war es Max Weber, der den Regierenden dringend empfahl, das richtige Augenmaß zu bewahren, worauf Wolf Lepenies erst kürzlich in Für Europa ist Deutschland ein moralischer Parvenü hinwies. 

"Bedingungen der Freiheit. Die Zivilgesellschaft und ihre Rivalen" von Ernest Gellner

Von Ralf Keuper

Bei der Zivilgesellschaft handelt es sich nach Ernest Gellner um ein relativ neues historisches Phänomen. Allzu häufig wird die Zivilgesellschaft mit der Demokratie gleichgesetzt, was ihrer Bedeutung jedoch nicht gerecht wird. 

Gellner gibt in seinem Buch Bedingungen der Freiheit einen historischen Überblick über die verschiedenen Gesellschafts- und Regierungsformen von der Antike bis in unsere Zeit. Großen Raum nehmen die islamischen Gesellschaften ein, wobei er sich, ähnlich wie Abulkader Irabi in Arabische Soziologie. Studien zur Geschichte und Gesellschaft des Islam, auf Ibn Kahldun bezieht. 

Besonders aufschlussreich ist das Kapitel Demokratie oder Zivilgesellschaft. Über den Denkfehler, Demokratie mit Zivilgesellschaft gleichzusetzen, schreibt Gellner:
Aber das demokratische Modell übersieht im allgemeinen die Tatsache, dass Institutionen und Kulturen Entscheidungen vorangehen, statt auf sie zu folgen. Das gilt zumindest für die grundlegenden Optionen. Die Demokratie ist vielleicht wie der Markt ein ausgleichendes Verfahren, innerhalb einer übergreifenden festen Struktur relativ unwichtige Entscheidungen zu treffen, aber es kann ihr nicht ohne Zirkularität und Absurdität die Fähigkeit zugeschrieben werden, zwischen gesellschaftlichen Gesamtstrukturen oder Wertesystemen zu entscheiden. Es verhält sich eher so: Einige präexistierende Strukturen enthalten ein "demokratisches" Verfahren zur Regelung untergeordneter Fragen. Die Nichtanwendbarkeit des demokratischen Modells auf wichtige Fragen, ist kein technisches, sondern ein logisches Argument. ... Es geht nicht darum, dass wichtige Probleme mit dieser Methode weniger gut zu lösen sind, sondern es ist einfach sinnlos, sich vorzustellen, dass sie gelöst werden könnten. Unsere Kultur bestimmt unsere Identität. Wer genau soll also eine Kultur wählen, wenn es noch kein Selbst, keine Identität, keine Weitsicht und kein Wertesystem gibt, die die Wahl treffen würde. .. Die naiven Formulierungen des demokratischen Ideals trennen es von seinen institutionellen und kulturellen Voraussetzungen und legen implizit nahe, dass es für die Menschheit als solche Gültigkeit habe. 
Aus diesem Grund gibt Gellner der Zivilgesellschaft den Vorzug, weil sie totalitären Tendenzen gegenüber widerstandsfähiger ist. Ohne funktionierende Zivilgesellschaft kann es auch keine echte Demokratie geben: 
Obwohl als "Demokratie" durchaus dazu gehört, sind es doch die Institutionen und der soziale Kontext, die sie erst möglich und wünschenswert machen, worauf es wirklich ankommt. Ohne diese institutionellen Vorbedingungen, ist "Demokratie" ein verschwommener Begriff und kaum realisierbar. Wenn der Begriff einfach nur als Deckname für diese Institutionen benutzt wird, dann kann das natürlich nichts schaden. Aber weil es diese institutionellen Vorbedingungen und den notwendigen historischen Kontext betont, ist "Zivilgesellschaft" wahrscheinlich ein besseres, erhellenderes Schlagwort als Demokratie.
Wodurch zeichnet sich die Zivilgesellschaft aus? Da wäre zum einen der technologische Fortschritt:
Eine Gesellschaft, die an eine expandierende Technologie gefesselt ist und folglich an eine expandierende kognitive Grundlage, kann ihre Wahrnehmung der Welt nicht verabsolutieren oder einfrieren. Eine solche Gesellschaft bekommt ein Gespür für die Unabhängigkeit der vernunftgemäßen Wahrheit von der Gesellschaft, und es fällt ihr schwer, die Idee einer eindeutigen und endgültigen Offenbarung ernst zu nehmen. Ihre hochentwickelte Fähigkeit zu alternativen Konzeptualisierungen desselben Gegenstands und ihr Gespür für die Trennbarkeit von Sachverhalten macht es ihr schwer oder unmöglich, sich eine Weltsicht zu eigen zu machen, die eine autoritative Zuweisung von Rechten und Pflichten und zugleich die Rechtfertigung solcher Zuschreibung impliziert. 
Wichtigstes Merkmal der Zivilgesellschaft ist jedoch der Pluralismus:
Die Gesellschaft braucht Wirtschaftspluralismus für produktive Effizienz, und sie braucht gesellschaftlichen und politischen Pluralismus, um exzessiv zentralistischen Tendenzen entgegenzuwirken. Vor allem aber macht sie sich gesellschaftlichen und politischen Pluralismus zunutze, aber einer besonderen, modularen, ad hoc Art, die den Individualismus nicht erstickt und zugleich als ein Gegengewicht zum Zentrum wirkt. Das Majoritätsprinzip oder repräsentative Institutionen, die die Gleichheit der Bürger durch das gleiche Wahlrecht symbolisieren, stellen einen wichtigen Beitrag dazu dar, aber sie sind nicht das Wesentliche. Wesentlich ist vielmehr die Abwesenheit sowohl eines ideologischen wie eines institutionellen Monopols. Keine einzige Lehre wird geheiligt und exklusiv mit der Gesellschaftsordnung verbunden. Machtpositionen werden turnusmäßig gewechselt wie alle anderen auch und sind nicht mit unmäßigen oder auch nur besonders hohen Belohnungen verbunden. 

Montag, 15. Februar 2016

Dynamische und expressive Interpretation der Persönlichkeit (Leszek Kolakowski)

In Wirklichkeit ist die Expression aus dem Grunde sozial schöpferisch, weil sie sich nicht völlig realisieren kann. ... Solcherart bleibt die Selbstverwirklichung der Persönlichkeit stets unbeendet, wodurch die Persönlichkeit zur Quelle einer sozial wertvollen Bemühung wird, weil sie das Feld einer permanenten Ungestilltheit ist, das zur Aufhebung seiner selbst drängt, ohne diese je völlig zu verwirklichen. Eben das nennen wir menschliches Schaffen. Diese dynamische Interpretation der Persönlichkeit ist versucht, die Situation des Gegensatzes zwischen der Dingwelt als potentielle Quelle von sozial wertvollem Verhalten zu formulieren; dagegen will sie diesen Gegensatz nicht schlechthin als konstante Nichtzurückführbarkeit beider Welten akzeptieren und sich solcherart mit der angeblich aussichtslosen und permanenten monadischen Situation der Persönlichkeit abfinden; auch will sie weder einen Ausweg in der anpassenden Nivellierung der Persönlichkeit zum Milieu suchen, noch die absurde Theorie des Glücks als dauerhafte Zufriedenheit propagieren, das heisst als den Tod. Sie versucht, die Persönlichkeit in ihrem permanenten Dialog mit der sozial verdinglichten Welt zu begreifen; in diesem Dialog stellt die Bewegung der schöpferischen Expression, in der sich die Persönlichkeit realisiert, und die rückläufige Bewegung, die auf der Aneignung der durch die eigene Ausdruckstätigkeit bereits modifizierten Welt beruht, zwei entgegengesetzte und einander provozierende Prozesse dar. 
Quelle:  Traktat über die Sterblichkeit der Vernunft. Philosophische Essays

Montag, 8. Februar 2016

Der übertriebene Glaube an den Rechtsstaat als Institution jenseits der Interessenkämpfe (Ralf Dahrendorf)

Im übertriebenen Glauben an den Rechtsstaat als Institution jenseits der Interessenkämpfe liegt letzten Endes dieselbe Aversion gegen Konflikt, damit dasselbe Ausweichen vor der unbequemen Liberalität der Ungewißheit, wie im deutschen Begriff des Staates überhaupt. Auf die Gefahr des Missverständnisses hin sei daher gesagt: Für die Verfassung der Freiheit ist die Herrschaft des Rechts weniger wichtig als die Lebendigkeit des Konfliktes. Die liberale Demokratie wird weniger dadurch gefährdet, dass sich ein Politiker etwas außerhalb der Legalität bewegt, als dadurch, dass die Suche nach vorgeblich überparteilichen Instanzen in der Überschätzung von Kaiser und Präsident, Einheit und Großer Koalition, Verwaltung und Recht institutionelle Gestalt annimmt. Weniger missverständlich formuliert: Ohne rechtsstaatliche Grundlage kann auch die Verfassung der Freiheit nicht wirklich werden; aber die rechtsstaatliche Basis allein gewährt die Verfassung der Freiheit nicht. Für sich genommen kann sie vielmehr zum abstrakten Maß werden, das sich nicht nur jedem Herrn zur Bedienung anbietet, sondern auch dann noch autoritäre Wirkungen entfaltet, wenn niemand mehr Herr sein will. Die Demokratie jedenfalls braucht Liberalität dringender als die Moralität. 
Quelle: Gesellschaft und Demokratie in Deutschland 

Samstag, 6. Februar 2016

Lässt der Untergang des römischen Reiches Rückschlüsse für die Gegenwart zu?

Von Ralf Keuper

Die Ursache für den Untergang des römischen Imperiums liegt für Alexander Demandt, wie für viele andere Althistoriker auch, in der Tatsache begründet, dass es Rom nicht gelang, die Einwanderer, wie vor allem die Goten, zu integrieren. Stattdessen übernahmen die Immigranten die Kontrolle im Reich und verdrängten die einheimische Bevölkerung. Rom war mit der Eingliederung einer so großen Zahl von Einwanderern überfordert. Demandt sieht nun einige Parallelen zu der heutigen Situation in Deutschland, wie er sie in Untergang des Römischen Reichs: Das Ende der alten Ordnung formuliert.

Das Problem an historischen Vergleichen dieser Art ist, wie Demandt sicher weiß, dass man gezwungen ist, ganz Etappen der Geschichte, ganze Zeitschichten (Reinhart Koselleck) zu überspringen. Die römische Gesellschaft von damals hat kaum bis gar keine Gemeinsamkeiten mit der heutigen in Deutschland, und auch die Einwanderer können nicht mit den Flüchtlingen von heute gleich gesetzt werden, so verlockend das auch sein mag. 
Leider unterlässt es Demandt darauf hinzuweisen, worin sich die Situation von damals grundsätzlich von der gegenwärtigen unterscheidet und wo die Grenzen der Übertragungsmöglichkeiten sind. Stattdessen erweckt er den Eindruck, dass er eine historische Gesetzmäßigkeit beschreibt. Ein Problem, das Karl Popper einmal als das Elend des Historizismus bezeichnet hat. Statt des Untergangs des römischen Reiches hätte er auch die Invasion Wilhelm des Eroberers als Bezugspunkt wählen können. Die Aussagekraft wäre in etwa gleich, nämlich null. 

Wir haben es in Deutschland, so berechtigt die Kritik an der gegenwärtigen Politik auch ist, mit einer modernen Zivilgesellschaft zu tun und nicht mit einer Gesellschaft, die von spätrömischer Dekadenz heimgesucht wird. 

Die Bundeszentrale für politische Bildung hebt folgende Perspektiven der Zivilgesellschaft hervor: 
  • Die habituelle oder handlungsorientierte Perspektive auf Zivilgesellschaft bezieht sich auf einen bestimmten Typus sozialen Handelns, nämlich auf den zivilen Umgang miteinander, gewaltfrei und kompromissorientiert: eine Gesellschaft, die sich durch Zivilität auszeichnet. 
  • Dass ihre Mitglieder "zivil" miteinander umgehen, wird unterstützt durch politische Rahmenbedingungen, die ebenfalls durch "Zivilität" geprägt sind. Hierzu zählen die verfassungsrechtlich garantierten Menschen- und Grundrechte ebenso wie die Gleichheit vor dem Gesetz sowie die Ermöglichung menschenwürdiger Lebensumstände etwa im Sinne der Sicherung eines Existenzminimums (Rucht 2010a: 88). Zivilgesellschaft ist insofern Ausdruck einer politischen Kultur, die sich durch Gewaltfreiheit, Toleranz und Kompromissbereitschaft auszeichnet. 
  • Die dritte Perspektive auf Zivilgesellschaft ist akteurszentriert. Das heißt, dass hier der Fokus auf konkret handelnden Personen und Organisationen liegt, die selbstorganisiert tätig werden. Dies geschieht nicht in traditionellen Familienstrukturen und auch nicht im Rahmen von privatwirtschaftlichen Unternehmen oder staatlichen Behörden, sondern primär in einem gesellschaftlichen Bereich jenseits von Markt, Staat und Privatsphäre und damit im Kontext von Vereinen, Verbänden, Stiftungen Netzwerken, informellen Zirkel, sozialen Beziehungen und Bewegungen sowie Nichtregierungsorganisationen (NGOs).
Daran sollten wir, bei allen Mängeln, festhalten. Ein mehr oder weniger unreflektierter Rückgriff auf die Antike trägt jedenfalls nicht zur besseren Orientierung bei.