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Sonntag, 13. März 2016

Künstliche Intelligenz erobert asiatisches Brettspiel Go

Von Ralf Keuper

Die Zahl der Bastionen, die von Menschen erfolgreich gegen Maschinen verteidigt werden, schrumpft unaufhaltsam. Mit dem asiatischen Brettspiel Go ist nun eine weiterer Gebietsverlust eingetreten. Erst gestern gelang dem Computer AlphaGo der dritte Sieg gegen den amtierenden Weltmeister Lee Sedol. Damit hat AlphaGo, der selbstlernende Computer von Google, das Kräftemessen für sich entschieden, da nur fünf Runden vorgesehen sind. Nachdem er sich noch vor kurzem siegessicher zeigte, war Sedol nach der ersten Niederlage bereits zerknirscht: 
Bereits nach dem ersten Sieg des Computers am Mittwoch hatte sich Lee "geschockt" über die überraschenden Spielzüge von AlphaGo gezeigt. Einige von ihnen hätte kein Mensch so gemacht, sagte der Südkoreaner.
In dem informativen Beitrag Maschinen wie wir gewährt Patrick Illinger einen tieferen Einblick in den aktuellen Status der Auseinandersetzung zwischen Mensch und Maschine. 
Über die Strategie von Googles AlphaGo schreibt er:
Googles Alpha Go hat nach den Berichten seiner Entwickler rund 13 Millionen Go-Partien aus den Datenbanken durchgekaut und mit insgesamt 13 Schichten analysiert. So hat das Programm Großmeister-Niveau erreicht. Danach spielte die Software noch Millionen Partien gegen Varianten ihrer selbst, um festzustellen, welche Strategien erfolgreichsten sind. Das erinnert an den Dr. B. aus Stefan Zweigs "Schachnovelle". Als er in Isolationshaft ein Buch mit Schachpartien in die Hände bekommt, lernt er dies zunächst auswendig. Dann lässt er mit zunehmender Intensität seine beiden Gehirnhälften Partien gegeneinander spielen. Doch Alpha Go ist Dr. B. weit voraus. Ein fleißiger Mensch schafft vielleicht 1000 Partien im Jahr, der Computer schafft das in Sekunden. Er lernt ungleich intensiver - und kann sich alles merken.
Da war der Sieg nur eine Frage der Zeit, obschon er deutlich früher eingetreten ist, als einige Experten angenommen haben.

Die Auswirkungen, die das sog. Deep Learning auf unseren Alltag hat, sind derzeit noch nicht abzuschätzen; sie dürften allerdings weitreichend sein, oder wie es in dem Beitrag heisst:
Die Implikationen von Deep Learning sind gewaltig. Nicht nur für Brettspiele, sondern für jede Form von Mustererkennung und viele Arten von Wissensarbeit an sich. Schon bald könnten Übersetzer, Pathologen, Mitarbeiter von Call Centern weitgehend durch Computer ersetzt werden. Ihre Kunden werden es vielleicht so wenig merken wie der Go-Europameister Fan Hui: "Wenn es mir niemand erzählt hätte, dann hätte ich meinen Gegner für einen etwas seltsamen aber starken Gegner gehalten. In jedem Fall aber für einen Menschen." Und die Entwicklung wird weitergehen: Irgendwann werden die Computer womöglich auf Ideen kommen, von denen niemand weiß, wie sie entstanden sind und was sie bewirken werden.
In dem gleichfalls lesenswerten Beitrag Endspiel aus derselben Ausgabe der SZ berichtet Kai Kupperschmidt u.a. über die Forschungen von Demis Hassabis, Gründer des Startups Deep Mind, das von Google für 500 Millionen Euro übernommen wurde. Im Februar 2015 berichteten Hassabis uns seine Kollegen in der Zeitschrift Nature von einem Algorithmus, der nach kurzer Zeit gelernt hatte, Atari-Computerspiele auf demselben Niveau wie Menschen zu spielen:
In seinen Vorträgen zeigt Hassabis gern Videos, welche die Leistung des Programms illustrieren. Bei Breakout zum Beispiel muss der Spieler eine Wand zerstören, indem er immer wieder einen Ball dagegen prellt. Nach einhundert Spielen ist die Leistung wenig beeindruckend. "Man bekommt vielleicht den Eindruck, dass das System gerade zu verstehen beginnt, dass es das Paddel zum Ball bewegen muss", sagt Hassabis. Nach 300 Spielen spielt das Programm schon besser als ein Mensch. Nach 500 Spielen hat das Programm die optimale Strategie entdeckt: Die Wand an einer Seite zu durchbrechen, sodass der Ball die Wand von der Rückseite zerstören kann. Die Strategie war manchen Spielern bekannt, nicht aber den Programmierern, sagt Hassabis. "Das Programm, das sie geschrieben haben, hat ihnen etwas Neues beigebracht."
Zu den prominentesten Kritikern der Künstlichen Intelligenz gehören der Linguist Noam Chomsky, der seine Haltung u.a. in dem Beitrag Noam Chomsky on Where Artificial Intelligence Went Wrong begründet hat und der Informatiker David Gelernter, der seine Sicht in seinem neuen Buch "Gezeiten des Geistes" darlegt.  

Weitere Informationen:



Samstag, 12. März 2016

Schönheit und Sicherheit sind nicht kompatibel (Nikolaus Harnoncourt)

Von Ralf Keuper

Vor einiger Zeit äußerte sich der kürzlich verstorbene Dirigent Nikolaus Harnoncout in einem Interview mit der SZ über die Herausforderungen der Musik angesichts des Perfektionszwangs, der z.T. skurrile, der Kunst abträgliche Formen annehmen kann, wie in den amerikanischen und britischen Orchestern. Dort gehe es in erster Linie um die möglichst fehlerfreie Wiedergabe, wobei schon drei sog. "Kiekser" dazu führen können, dass ein Musiker seine Stellung verliert. Ergebnis sei ein Klangkörper, der wie eine Maschine funktioniere. Musikaufführungen, die Interpretation großer Werke seien jedoch nicht ohne Risiko zu haben: 
... wenn das überhand nimmt, dann müssen wir ganz aufhören; das ist das Ende der Kunst. Das ist so ziemlich das Ärgste, was es gibt. Die Risikofreiheit resultiert. Es will kein amerikanische Musiker einen Kiekser machen. Das heisst, Schönheit und Sicherheit sind nicht kompatibel. Je schöner etwas ist, desto riskanter ist es. ... Wir kommen nie an den höchsten Punkt, aber ganz knapp neben der höchst erreichbaren Schönheit ist der Abgrund - und der Absturz. Dort haben wir uns hinzubegeben, wir haben nicht in der Sicherheitszone herumzuwursteln. (in: Wir müssen an den Abgrund gehen. SZ vom 8. März 2016)

Sonntag, 6. März 2016

"Der neue Chef" von Niklas Luhmann

Von Ralf Keuper

Niklas Luhmann hat sich in seinen Werken immer wieder der fragilen Beziehung zwischen Vorgesetzten und Untergebenen gewidmet, insbesondere in seinem "Frühwerk" Funktionen und Folgen formaler Organisation. Die verschiedenen Beiträge Luhmanns zu diesem Themenkomplex hat Jürgen Kaube nun in dem Buch Der neue Chef zusammengefasst. 

Johann Schloemann hat das Buch in der SZ in Der Chef ist bestenfalls ein halber Kollege vorgestellt. Ein probates Mittel für die Untergebenen, den Chef in ihrem Sinne zu lenken, sei, so Luhmann, die "Unterwachung". Diese gelinge um so besser, je mehr die Untergebenen folgenden Rat beherzigten: Sie sollten sich den Vorgesetzten ohne Kleider vorstellen ;-)

Samstag, 5. März 2016

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus Philosophie und Wissenschaft #23

Von Ralf Keuper

Erneut eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind: