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Samstag, 28. Mai 2016

Peter Oestmann: Das freie Denken kommt zu kurz

Von Ralf Keuper

Für den Rechtshistoriker Peter Oestmann kommt das freie, selbständige Denken während des Studiums zu kurz; so auch der Titel seines Beitrags in der FAZ, der vergleichsweise hohe Wellen schlug. Den Studenten fehle, so Oestmann am Beispiel seiner eigenen Wissenschaftsdisziplin, häufig der kritische Blick von außen, die Beobachterperspektive. So gehe der Blick für das Ganze verloren. Die Mehrzahl der Studenten betrachte die Universität als reinen Ausbildungsbetrieb. 


Wie lässt sich die zahlenmäßig kleine Gruppe derer ermitteln, die an der Sache interessiert sind? Wie kann die Neugier gestärkt werden und welche Änderungen im Prüfungswesen sowie in der Lehre sind dazu erforderlich? Geht das über eine Stärkung der Seminarkultur, über alternative Prüfungen, mehr Essays und Hausarbeiten? Er schreibt: 
Wenn wir als Leitbild den gebildeten und kritischen Jurastudenten ausgeben würden, müssten wir dann genau solche Prüflinge nicht für ihre Offenheit und Neugierde belohnen, anstatt sie abzustrafen, wenn sie die sechste Mindermeinung zum Dolus eventualis nicht kennen? Die starke Fixierung auf Abschlussklausuren kommt in erster Linie dem Techniker und Rechtshandwerker zugute. Bildung im umfassenden Sinne zeigt sich im persönlichen Gespräch, bei eigener Forschung der Studenten, in glücklichen Fällen im Seminar. Aber die meisten Studenten besuchen nur ein Seminar, weil nur dieses eine Seminar vorgeschrieben ist. Und die meisten Professoren können sich nicht durchringen, ein zweites Pflichtseminar einzuführen. Haben sie selbst Angst vor der Entschulung? ... Der Philosoph Hans-Georg Gadamer sagte einmal, eine Universität ohne Kunstgeschichte sei keine Universität. Vielleicht ist ein Jurastudent ohne minimale Allgemeinbildung an einer Hochschule auch falsch aufgehoben
Für Oestmann reicht der Besuch von Vorlesungen allein nicht aus, um sich das für einen Juristen nötige Wissen anzueignen. Studenten sollten vielmehr beginnen intensiv zu lesen, auch Lektüre, die nicht zum Lehrplan zählt, und herausfinden, was sie besonders interessiert, um das dann wiederum zu vertiefen. 

Oestmanns Äußerungen blieben nicht ohne Widerspruch, wie in Hier geht es um Indianer, nicht um Häuptlinge. Darin stellt Hinnerk Wissmann fest: 
Unsere Studierenden profitieren davon, dass ihre Leistungen nicht Tag für Tag in eine Endnote eingerechnet werden, sondern sie selbstverantwortlich mit ihrem Studium umgehen müssen. Gesegnet sei das Staatsexamen! Es sind auf dem Weg dorthin Klausuren, Hausarbeiten und Seminare zu absolvieren, aber nur als Zulassungsvoraussetzungen, die nicht mehr zählen, wenn das große Schlussexamen ansteht. Es ist an den Studenten, den Weg dahin zu planen - Sinnbild universitärer Freiheit in schönster Manier.
Sollte die Planung des Weges zum Abschlussexamen Ausdruck der Freiheit in ihrer höchsten Form sein, dann ist es, so jedenfalls mein Eindruck, um die Freiheit nicht allzu gut bestellt. Quasi nach dem Motto: Ihr habt die Freiheit, verpflichtet zu sein, oder wie? Diese Haltung lässt keine kritische Reflexion der Regeln und damit auch keinen Blick von außen zu. Schicksalsergebenheit als Ideal. 

Weder die Wiederbelebung des Humboldtschen Universitäts-Verständnisses in reiner Ausprägung noch die Reduzierung der Freiheit als Fähigkeit, den vorgegebenen Weg zum Abschlussexamen nach eigenem Zeitplan zu absolvieren, scheint mir die Lösung zu sein.  
Michael Wrase hält es in Juristische Bildung – Eine Münsteraner Debatte mit den Empfehlungen des Wissenschaftsrates aus dem Jahr 2012:
Ein grundsätzliches Festhalten am Staatsexamen bei gleichzeitiger Stärkung der Ausbildung in den sogenannten „Grundlagen“ der Rechtswissenschaft – mit der notwendigen Konsequenz einer (angemessenen) Reduktion des abzuprüfenden Pflichtstoffs in den dogmatischen Fächern.

Die nachindustrielle Gesellschaft (Daniel Bell)

Von Ralf Keuper

Das mittlerweile schon zu den Klassikern zählende Werk Die nachindustrielle Gesellschaft des ehemaligen Professors für Soziologie der Harvard-University, Daniel Bell, setzt sich mit Frage der Zukunft der industriellen Staaten angesichts der wachsenden Verbreitung der Technologie sowie des theoretischen Wissens auseinander.

Seine Analyse liefert dabei weniger Prognosen, als vielmehr Einblicke in die Mechanismen der von ihm so bezeichneten "nachindustriellen Gesellschaft", deren Auswirkungen in unseren Tagen immer deutlicher zum Vorschein kommen.

Was Bell unter der nachindustriellen Gesellschaft versteht, formuliert er wie folgt:
Die These dieses Buches lautet, dass wir in den nächsten dreißig bis fünfzig Jahren das Aufkommen der >postindustriellen Gesellschaft< erleben werden. Darunter verstehe ich in erster Linie einen Wandel der Sozialstruktur, der sich allerdings in den einzelnen Gesellschaften je nach den politischen und kulturellen Konstellationen unterschiedlich auswirken wird. Doch als Gesellschaftsform wird sie im 21. Jahrhundert die Sozialstruktur der USA ebenso wie die Japans, der Sowjetunion und Westeuropas prägen. Der Begriff der postindustriellen Gesellschaft als solcher ist ein abstrakter Begriff.
In seiner Analyse unterteilt Bell die wirtschaftliche Entwicklung in die Phasen vorindustriell (natürliche Kraft, Handwerkliches Können, Gewinnung von Naturprodukten), industriell (erzeugte Energie, Kapital, Fabrikation) sowie nachindustriell (Information, theoretisches Wissen, Verarbeitung/Recycling).

Treibende Kraft der nachindustriellen Gesellschaft ist das theoretische, abstrakte Wissen:

... Was den ersten Punkt , die zentrale Stellung des theoretischen Wissens angeht, so bedeutet er zunehmende Abhängigkeit von der Wissenschaft als Mittel der Neuerung und Organisationsprinzip des technologischen Wandels. Die meisten modernen Industrien sind allerdings, wie ich im folgenden zeige, eigentlich noch Industrien des 19. Jahrhunderts. Sie wurden von >genialen Bastlern< geschaffen, die sich bei ihrer Arbeit nicht um wissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten kümmerten. Die erste >moderne< Industrie, die Chemie, dagegen setzt, will man sein Ziel erreichen, theoretisches Wissen über die zu manipulierenden Makromoleküle voraus. Deutschland nun, seit eh und je ein Vorkämpfer dieses neuen Verhältnisses zwischen Wissenschaft und Technologie und Ursprungsland eines gut Teils der chemischen Industrie, darf wohl mit Fug und Recht diese zentrale Stellung der Wissenschaft als altgewohntes Charakteristikum seiner Wirtschaft betrachten.
Wie schon David Landes sieht auch Daniel Bell in der Wissenschaft die eigentliche Ursache für den wirtschaftlichen Aufstieg der westlichen Länder, die es vermocht haben, den Einfluss konservativer Kräfte, wie der katholischen Kirche, zu begrenzen bzw. ihn in Fragen des Fortschritts zu marginalisieren.
Die Quelle der Wissenschaft, so jedenfalls behaupte ich in diesem Buch, ist ihre >charismatische< Qualität, die ihr die Herausforderung der traditionellen Formen und Konzeptionen ermöglicht, und ihre Institutionalisierung der Existenz einer >charismatischen Gemeinschaft< zu danken, die die legitimierende Norm revolutionären Umschwungs aufstellte. Jede andere charismatische Instanz, ob Kirche oder revolutionäre Partei, ist im Prozess der >Routinisierung< dogmatisch und konservativ und in ihrer Dialektik schließlich wandlungsfeindlich geworden. In der Wissenschaft dagegen haben sich Theorie und Praxis wahrhaft vereint. Natürlich stehen auch die wissenschaftlichen Organisationen im Dienste eines Staates oder eines Unternehmens, aber das >Herz< der Wissenschaft muß .. revolutionär bleiben, gewissermaßen eine selbstkonstituierte Republik sich selbst regierender Menschen. Anderenfalls zerstört sich die Wissenschaft als Unternehmen selbst.
Damit aber nicht genug. Denn damit die Wissenschaft die von Bell zugedachte Funktion auch weiterhin ausüben kann, ist sie auch eine hohe Zahl von Trägern, sprich Personen angewiesen, welche über die nötigen Voraussetzungen und Qualifikationen verfügen, um den Bestand des theoretischen Wissens zu bewahren und zu erweitern. Daraus resultieren in der nachindustriellen Gesellschaft hohe Anforderungen an den Faktor Bildung:
Dazu kommt in einer nachindustriellen Gesellschaft noch ein weiterer, prosaischer, aber darum nicht minder wichtiger Aspekt: die Betonung der höheren Bildung und die Schaffung einer technisch-akademischen Klasse, die die Führung der Gesellschaft übernimmt so wie ehedem der angelernte Arbeiter für die Industriegesellschaft kennzeichnend war. Dieser Entwicklungstrend ist ebenso unübersehbar wie unumkehrbar. Tatsächlich schrumpft die Zahl der Industriearbeiter in jeder fortgeschrittenen Industriegesellschaft im Vergleich zur Zahl der Techniker und Akademiker immer mehr, wodurch sich neue Dimensionen im Schichtungssystem einer Gesellschaft eröffnen.

Patrick Leigh Fermor - Travellers Century

Von Ralf Keuper

Mit seinen Büchern Zeit der Gaben und Zwischen Wäldern und Wasser wurde Patrick Leigh Fermor als Reiseschriftsteller einem größeren Publikum bekannt. Bemerkenswert daran ist u.a., dass Fermor seinen Reisebericht erst nach vierzig Jahren niederschrieb und sich dabei weitgehend auf sein Erinnerungsvermögen verlassen musste, da viele Aufzeichnungen verloren gingen. 


Der Film Patrick Leigh Fermor - Travellers Century stellt die wichtigsten Lebensstationen Fermors, der gegen Ende des Films in einem Interview erscheint, vor. 
Fermor durchwanderte in den Jahren 1933 und 1934 halb Europa. Sein Weg führte ihn von Großbritannien über die Niederlande, Deutschland, Ungarn, Rumänien bis nach Istanbul. 

Während des 2. Weltkrieges schloss sich Fermor als britischer Offizier dem Widerstand gegen die deutsche Besatzung auf Kreta an. Berühmt wurde die Entführung von General Kreipe, dem obersten Befehlshaber der Wehrmacht auf Kreta, unter Fermors Führung. Im vergangenen Jahr erschien postum Fermors Bericht über die Entführung in Buchform. (Vgl dazu: Wie die Wehrmacht den General Kreipe verlor). Die Aktion wurde bereits im Jahr 1950 verfilmt. 

Zeitlebens hatte Fermor eine enge Beziehung zu Griechenland, wo er auch mehrere Jahrzehnte lebte (Vgl. dazu: Zu Gast bei Herodot). 

Von der Kritik gelobt wurde und wird der elegante und unverwechselbare Schreibtstil Fermors. 

Die Frage, die auch in dem Film aufkommt, ist, ob Erfahrungen oder Abenteuer, wie sie Fermor in seinen beiden bekanntesten Büchern beschreibt, heute, wo die Welt angeblich flach geworden ist, überhaupt noch möglich sind. Fermor jedenfalls empfand seine Reise damals als großes Abenteuer:
Meine ohnehin gute Laune stieg, je länger ich marschierte. Ich konnte kaum glauben, dass das alles Wirklichkeit war - ich allein auf dem Weg durch Europa, umgeben von soviel Offenheit, soviel Neuem, von tausend Wundern, die nur auf mich warteten. (in: Zeit der Gaben). 

Sonntag, 22. Mai 2016

Günter Grass im Gespräch mit Pierre Bourdieu (1999)

Der deutsche Schriftsteller Günter Grass im Gespräch mit dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu. Ist der Prozess der europäischen Aufklärung gescheitert? Was brachten die "genial missratenen Kinder der Aufklärung", der Sozialismus und der Kapitalismus? Wohin führte der Neoliberalismus?
Die beiden inzwischen verstorbenen Intellektuellen führten das Gespräch Ende 1999 in Grass’ Atelier in Behlendorf.(Quelle: Beschreibung auf YouTube)

Samstag, 21. Mai 2016

Soziologie des Wohnens

Von Ralf Keuper

Bei der Vielzahl der soziologischen Veröffentlichungen geht nicht selten der Blick für das Naheliegende verloren. So zumindest mein Eindruck während und nach der Lektüre des Buches Wohnen - Über den Verlust der Behaglichkeit des (Innen-) Architekten Witold Rybczynski.

Am Begriff des Wohnens lässt sich die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrhunderte in ihren unterschiedlichen Facetten ablesen, wie z.B. anhand der Schilderung des häuslichen Lebens der norwegischen Familie Brun im 17. Jahrhundert:
Obwohl die Bruns in einem und demselben Gebäude lebten und arbeiteten und obwohl sich ihr tägliches Leben hauptsächlich in einem oder zwei Räumen abspielte, war ihr Haushalt kein mittelalterlicher mehr. Es gab bei ihnen mehr Möbel als in einem vergleichbaren mittelalterlichen Haus, wenn auch nicht so viele wie in Pariser Bürgerhäusern. Die Aufstellung von Öfen schuf nicht nur mehr Behaglichkeit und Komfort, sondern ermöglichte auch die Aufteilung des umbauten Raums in eine größere Anzahl funktionsgetrennter Räume, als es in früherer Zeit denkbar gewesen wäre. Der ebenerdige Wohnraum war zwar noch erkennbar ein Abkömmling des mittelalterlichen Wohnsaals, doch setzte sich allmählich die Abtrennung funktionsspezifischer Räume wie beispielsweise Küche oder Schlafkammern durch.
Die Institution Ehe verdankt sich dem eigenen Heim: 
Wichtiger als technische Neuerungen waren Veränderungen im Wohnverhalten. Noch immer teilten die Eltern ihr eheliches Bett mit den Säuglingen und Kleinkindern, doch die älteren Kinder schliefen nicht mehr im gleichen Raum. Man kann sich Frederik und Marthe Brun vorstellen, wie sie, nachdem sie die ältesten Kinder ins Bett geschickt haben, noch eine Weile allein im Wohnraum sitzen. Im Haus ist es still, das Tagwerk ist getan, und die Eheleute unterhalten sich beim Schein einer Kerze. Eine schlichte Szene, und doch Inbegriff einer bahnbrechenden Veränderung in den zwischenmenschlichen Beziehungen: Ehemann und Ehefrau beginnen sich - vielleicht zum ersten Mal überhaupt - als >Paar< zu begreifen. Selbst ihre Hochzeitsnacht vor zwanzig Jahren war ein öffentliches Ereignis gewesen, gefeiert mit lärmender, mittelalterlicher Ausgelassenheit. Intime Augenblicke zu zweit waren eine kostbare Seltenheit; in bescheidenen bürgerlichen Häusern wie dem der Bruns, begann das Familienleben eine private Dimension zu gewinnen. Die Bedeutung dieses Vorgangs, der sich im Innenleben des Brunsschen Hauses andeutungsweise widerspiegelt und der sich in ganz Nord- und Mitteleuropa vollzog, kann nicht hoch genug veranschlagt werden. Ehe die Idee des eigenen Heims als Sitz des Familienlebens sich im Bewußtsein der Leute festsetzen konnte, bedurfte es der Erfahrung sowohl einer Privat- als auch einer Intimsphäre - beides war im Wohnsaal des mittelalterlichen Hauses ein Dinge der Unmöglichkeit gewesen. 
Die Kinder konnten erstmals im Familienkreis bleiben, woraus eine Verlängerung der Kindheit resultierte:   
Die Entstehung einer Privatsphäre im Haus war auch Folge einer anderen bedeutsamen Veränderung im Familienleben: des Verbleibens der Kinder im Familienkreis. Die mittelalterliche Auffassung von der Familie unterschied sich in vielerlei Hinsicht von der unsrigen, namentlich in ihrer unsentimentalen Einstellung zur Kindheit. Für die Kinder der Armen war es selbstverstänlich, dass sie so früh wie möglich ihr Brot durch Arbeit selbst verdienten; in allen Familien war es üblich, die Kinder, sobald sie einmal sechs oder sieben Jahre alt waren, aus dem Haus zu schicken. Kinder aus bürgerlichen Familien kamen in die Lehre zu einem Handwerksmeister oder Kaufmann, während die Kinder der Oberschicht in aristokratischen Häusern als Pagen dienten. In beiden Fällen sollten die Lehrjahre dem doppelten dienen; die Arbeitskraft der Kindern zu nutzen und ihnen etwas beizubringen. .. 
Daran begann sich erst im 16. Jahrhundert etwas zu ändern, als die schulische Unterrichtung, die es bis dahin nur m religiösen Bereich gegeben hatte, auf die Heranbildung weltlicher Fertigkeiten ausgedehnt wurde, die Lehrzeit ergänzend und teilweise auch ersetzend. .. Die Schulzeit war zwar nicht sehr lang - der Dreizehnjährige, der in der väterlichen Werkstatt als Lehrling arbeitete, hatte die Schule schon hinter sich -, aber sie bewirkte immerhin, dass die Kinder wesentlich länger im Elternhaus blieben als in früherer Zeit. Zum ersten Mal konnten Eltern miterleben, wie ihre Kinder unter ihren Augen heranwuchsen. Die Anwesenheit von Kindern unterschiedlichen Alters im Hause führte auch zu Veränderungen der Lebensweise, die sich etwa aus den Schlafgewohnheiten ablesen lassen. Es wäre leicht und auch wünschenswert gewesen, Mädchen und Buben getrennt schlafen zu lassen, aber es waren die Diener und Angestellten, die ihre eigenen Schlafkammern erhielten. Der Sohn, der gleichzeitig Lehrling war, nächtigte in einem Zimmer mit seiner Schwester, nicht bei seinen Werkstattkollegen. Das Signifikante daran war die Trennung der Familienangehörigen von den anderen Haushaltsmitgliedern. ... 
Der zunehmende Wohnkomfort weckte den Sinn für die Privatsphäre; eine nicht unterschätzende soziale Innovation: 
Es sollte noch bis ins 18. Jahrhundert dauern, ehe mehr Wohkomfort im technischen Sinne in die Häuser einzog; es bedurfte dazu der Entwicklung neuer Techniken in der Wasserversorgung und Raumheizung sowie weiterer Verfeinerungen in der inneren Architektur der Häuser und in der Raumaufteilung. Aber der Übergang vom quasi öffentlichen, feudalen >großen Haus< zum privaten Familienheim hatte eingesetzt. Der Sinn für und das Bedürfnis nach häuslicher Privatsphäre war eine schöpferische Innovation, vielleicht sogar wichtiger als jede einzelne technische Erfindung, veränderte sie doch nicht nur unsere Umgebung, sondern auch und vor allem unser Bewußtsein.

Kaffee - Kulturgeschichte einer Bohne

Von Ralf Keuper

Den Kaffee nur auf seine Rolle als Genussmittel und Wirtschaftsgut zu reduzieren, würde ihm bei weitem nicht gerecht. Der Kaffee hatte und hat großen Einfluss auf die Kultur eines Landes. Das begann schon in Istanbul, wo die ersten Kaffeehäuser entstanden. Dort traf man sich nicht nur, um Kaffee zu trinken, sondern auch, um sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Kaffeehäuser wurden so häufig zu Treffpunkten oppositioneller Kreise, weshalb die Obrigkeit immer wieder die Schließung der Kaffeehäuser verhängte. Über Istanbul gelangte die Kaffeehauskultur nach Venedig, wo u.a. das Caffè Florian eröffnet wurde. 
Die Französische Revolution soll im Café Procope begonnen haben. Prominente Dauergäste jener Zeit waren u.a. Voltaire, Danton und Robespierre. Sartre und andere trafen sich im Kaffeehaus der Existenzialisten. Für Jürgen Habermas sind die Kaffeehäuser ein wichtiger Ausgangspunkt für den Struturwandel der Öffentlichkeit
Kaffeehäuser waren daher auch bedeutende Informationsplattformen. Die älteste Versicherung der Welt, Lloyds of London, hat ihren Ursprung in einem Kaffeehaus. Kaffee ist nach Öl das wichtigste Handelsgut und damit ein Multi-Milliarden-Geschäft. 

Kaffehäuser waren in Wien bevorzugter Arbeitsort der Literaten, weshalb von der Kaffeehaus-Literatur gesprochen wird. Ein bekanntes Wiener Kaffeehaus war und ist das Café Central. Einer der Gründe, weshalb Wien als Geburtsort der Kaffeehauskultur gilt. 
In Deutschland kam die Kaffeehauskultur erst relativ spät an. Deutschlands führende Kaffeestadt ist übrigens Bremen. Sechzig Prozent aller Kaffeelieferungen in Deutschland laufen über den Bremer Hafen. Hier entstanden auch die ersten Röstereien auf deutschem Boden; weiterhin ist Bremen Geburtsort der Kaffee-Handels-Akiengesellschaft (Kaffee HAG). In Bremen wurde außerdem 1697 das erste Kaffeehaus in Deutschland eröffnet. Im Jahr 1781 kam es in Paderborn zu einem Aufstand, als der regierende Fürstbischof ein Kaffee-Verbot für das gemeine Volk durchsetzen wollte; als Kaffee-Lärm in Paderborn in die Annalen eingegangen.  

Auch die klassische Musik wurde vom Kaffee beeinflusst. Kein Geringerer als Johann Sebastian Bach, selber ein leidenschaftlicher Kaffee-Trinker, widmete dem Getränk die Kaffee - Kantate

Weitere berühmte Kaffeehäuser sind:



Wie vielschichtig der Kaffee ist, wird auch an seiner chemischen Zusammensetzung deutlich. Bisher zählt man 1000 chemische Bestandteile im Kaffee, unterteilt in die Gruppen Aromastoffe, Koffein, Mineralstoffe und Säuren. 


Neben den Europäern sind die Amerikaner die größten Kaffeetrinker. In den USA hat sich so etwas wie eine neue Kaffeekultur entwickelt, deren Hauptort Portland in Oregon ist. Die amerikanischen Kaffeehäuser legen großen Wert auf den perfekten Geschmack. Guter Kaffee ist demnach das Ergebnis harter Arbeit und intensiver Recherche. Für guten Kaffee sind die Kunden sogar bereit längere Zubereitungszeiten in Kauf zu nehmen. Neben Portland sind Los Angeles, Boston und New York weitere Kaffee-Hochburgen in den USA. In New York wird in einem Cafe auch der teuerste Kaffee der Welt, der Kopi Luwak Katzenkaffee, serviert. 


Zur Kulturgeschichte des Kaffees gibt es mittlerweile mehrere Sachbücher. Ein Klassiker ist Kaffee: Die Biographie eines weltwirtschaftlichen Stoffes von Heinrich Eduard Jacob.

Weitere Informationen:

Kaffee – höfisches Lebenselixier

Montag, 16. Mai 2016

Danziger Mission (Fernsehspiel)

Der Friedensvertrag von Versailles löst Danzig los vom Deutschen Reich und gibt ihr den Status einer freien Stadt. Danzig steht nun unter dem Schutz des Völkerbundes und wird von den Polen außenpolitisch vertreten. Die Bevölkerung besteht zu 96 Prozent aus Deutschen. Alle Streitigkeiten soll der Hohe Kommissar klären. 1936 tritt er zurück, weil er zunehmend boykottiert wird. Seine Nachfolge tritt der Schweizer Diplomat und Schriftsteller Professor Carl Jacob Burckhardt an. 
Die Serie basiert auf wahren historischen Begebenheiten und entstand nach den Aufzeichnungen von Carl Jacob Burckhardt - Hoher Kommissar in der freien Stadt Danzig 1937-1939. (Quelle: Kommentar auf Youtube)

Weitere Informationen:

Ich glaube, dass wir dazu "verdammt" sind, modern zu sein (Octavio Paz)

Ich glaube, dass wir dazu "verdammt" sind, modern zu sein. Das heisst, wir können nicht auf die Technik und Wissenschaft verzichten. Jede Umkehr als Ausweg aus der Sackgasse der Industriegesellschaft ist unmöglich und undenkbar. Das Problem besteht darin, die Technik den menschlichen Bedürfnissen anzupassen, und nicht umgekehrt, wie das bis heute der Fall war. Das ist überaus schwierig, doch die andere Möglichkeit ist fatal: ein allgemeiner Zusammenbruch der Kultur, gegenüber dem das Ende der antiken Welt zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert nur eine bescheidene "Generalprobe" der Katastrophe gewesen wäre. Selbst aus dieser Perspektive betrachtet, ist die Bewahrung der Vielfältigkeit und der Verschiedenartigkeit der Gruppen und der einzelnen eine Präventivmaßnahme. Das Verschwinden jeder Randgesellschaft und jedes ethnischen und kulturellen Unterschieds bedeutet das Verschwinden einer Überlebensmöglichkeit der ganzen Gattung. Mit jeder Gesellschaft, die verschwindet, durch die Industriezivilisation vernichtet oder von ihr verschlungen, verschwindet jede Möglichkeit des Menschen - nicht nur eine Vergangenheit und eine Gegenwart, sondern auch eine Zukunft. Die Geschichte war bis heute vielfältig gewesen: verschiedene Bilder vom Menschen, jedes mit einer anderen Version seiner Vergangenheit und seiner Zukunft. Diese Verschiedenartigkeit bewahren heisst, die Vielfältigkeit der Zukunft bewahren, das heisst, das Leben selbst. 
Die andere große Gefahr, eng verbunden mit der, die ich gerade beschrieben habe, besteht darin, die neue Gesellschaft als eine geometrische Konstruktion aufzufassen. Die verwirklichte Utopie ware ein Graus. Nichts bedrückender als das Leben in dem von Fourier imaginierten Phalanstères. Die Versuchung der Geometrie und der Gleichförmigkeit ist die intellektuelle Versuchung par excellence. Sie ist die Versuchung des Cäsar-Philosophen. Deshalb müssen wir die Besonderheit und die Individualität kultivieren und in Schutz nehmen. Der Mensch hat Zukunft weder im Kollektivismus der bürokratischen Staaten noch in der vom Kapitalismus geschaffenen Massengesellschaft. Jedes System ist, sowohl durch seinen abstrakten Charakter als auch durch seinen Totalitätsanspruch, der Feind des Lebens. Ein in Vergessenheit geratener spanischer Dichter, José Moreno Villa, sagte mit leiser Melancholie:

"In der Symmetrie habe ich die Wurzel von viel Ungerechtigkeit entdeckt".
Quelle: Der menschenfreundliche Menschenfresser. Geschichte und Politik 1971 - 1980 

Sonntag, 15. Mai 2016

Haben Insekten ein Bewusstsein?

Von Ralf Keuper

Die Frage, ob Tiere ein Bewusstsein haben oder über ausgeprägte kognitive Fähigkeiten verfügen, beschäftigt die Wissenschaft seit geraumer Zeit. Insekten waren davon bisher ausgenommen. Nun jedoch fragt Peter Singer Are Insects Conscious?.  Singer kommt zu der Überlegung:
Insects have a central ganglion that, like a mammalian midbrain, is involved in processing sensory information, selecting targets, and directing action. It may also provide a capacity for subjective experience.
Weiterhin hebt Singer hervor:
Insects are a very large and diverse category of beings. Honeybees have about a million neurons, which isn’t many compared to our roughly 20 billion neocortical neurons, let alone the 37 billion recently found in the neocortex of a pilot whale. But it is still enough to be capable of performing and interpreting the famous “waggle dance” that conveys information about the direction and distance of flowers, water, or potential nest sites. Caterpillars, as far as we know, have no such abilities. But they may still be conscious enough to suffer as they starve.
Wenn dem so sein sollte, dann sind Insekten in der Lage, Schmerz zu empfinden wie überhaupt weitaus mehr Bewusstsein in der Welt wäre, als wir derzeit noch annehmen:
If insects have subjective experiences, there is much more consciousness in the world than we may have thought, because there are, according to an estimate from the Smithsonian Institution, some ten quintillion (10,000,000,000,000,000,000) individual insects alive at any one time.
Intensiv mit Insekten beschäftigt und ihr Verhalten in literarischer Form verarbeitet haben u.a. Ernst Jünger und Jean-Henri Fabre. Letzterer war nicht nur ein großer Forscher, sondern auch ein großer Literat; womit nicht gesagt ist, Jünger sei kein großer Schriftsteller gewesen.

Jedenfalls hat sich Fabre in seinen Erinnerungen eines Insektenforschers I mit ähnlichen Fragen beschäftigt, wie mehr als hundert Jahre später Peter Singer u.a. . 

In dem Kapitel Die Unwissenheit des Instinkts schreibt Fabre:
Durch einen seltsamen Widerspruch, der für die instinktiven Fähigkeiten typisch ist, geht großes Wissen mit ebenso großem Unwissen einher. Für den Instinkt ist nichts unmöglich, so schwierig das Problem auch sein mag. Bei der Herstellung ihrer sechseckigen Zellen mit einem Boden aus drei Rauten löst die Biene mit absoluter Präzision das komplizierte Problem von Maximum und Minimum, das nur Menschen mit hoher mathematischer Intelligenz bewältigen. Die Hautflügler, der Larven von Beute leben, haben bei ihrer mörderischen Kunst Methoden, zu denen selbst ein in den Geheimnissen der Anatomie und Physiologie bewanderter Mensch kaum in der Lage wäre. Für den Instinkt ist nichts schwierig, wenn alles in der dem Insekt vorbestimmten immer gleichen Weise verläuft, aber für den Instinkt ist wiederum nichts leicht, wenn irgendetwas anders ist als sonst. Das Insekt, das uns durch seine hohe Intelligenz erstaunt, verblüfft uns einen Moment später durch seine Dummheit bei einer ganz einfachen Sache, die aber für es ungewohnt ist.
Das Verhaltensmuster, das Fabre beschreibt,  ist vom menschlichen jetzt auch nicht so weit entfernt ;-) 
Gut möglich, dass die neuesten Forschungen die Bedeutung des Instinkts für das Verhalten der Insekten relativieren und die kognitiven Fähigkeiten ihr Recht bekommen. 

Weitere Informationen:

Insekten: Die heimlichen Herrscher der Welt

Samstag, 7. Mai 2016

Adorno - Wer denkt, ist nicht wütend


Ich will ja gar nicht anderes, als dass die Welt so eingerichtet wird, dass die Menschen nicht ihre überflüssigen Anhängsel sind, sondern, dass in Gottes Namen, die Dinge um der Menschen willen da sind, und nicht die Menschen um der Dinge willen, die sie noch dazu selbst gemacht haben, und dass sie sie selbst gemacht haben, dass die Institutionen schließlich auf die Menschen zurückweisen, das ist - für mich jedenfalls - ein sehr geringer Trost. (Theodor Adorno)
Weitere Informationen:

„Wer denkt, ist nicht wütend“

Softwareentwicklung als künstlerische Leistung?

Als sich Peter Molzberger, Professor für Informatik .., mit der Arbeitsweise von Spitzenprogrammieren beschäftigte, wurde der Informatiker zum Hirnforscher. Denn ausgerechnet die Leuchten der Computergesellschaft, deren Tätigkeit wie keine andere mit kühler Logik identifiziert wird, hatten ihn in langen Gesprächen davon überzeugt, dass schöpferische Arbeit keineswegs eine intellektuelle, sondern in erster Linie eine "gefühlsmäßige" Leistung sei; dass die Entwicklung hochkomplexer Software wenig mit Systematik, dafür aber um so mehr mit Visionen, wenig mit analytischem Denken, dafür viel mit Ästhetik zu tun habe.  
"Ich bin wie ein Bildhauer, ich gestalte etwas", hatte ihm ein Superprogrammierer, der bis zu 1.500 Statements am Tag entwerfen, codieren und zum Ablauf bringen kann, erzählt. Und er ergänzte: "Das, was ich mache, geschieht wie in Trance und ich frage mich hinterher: Wer hat das Programm eigentlich entworfen?" Erst wenn sich die Grundstruktur komplett in seinem Kopf ausgeformt habe, beginne er mit der Niederschrift. Die verlange zwar starke Konzentration, sei aber letztlich Routinearbeit. Ästhetische Eleganz gebe ihm die Gewißheit, dass das Werk fehlerfrei sei. Testen muss er es dann nicht mehr unbedingt, denn "wenn es ästhetisch ist, dann stimmt es auch".  
"Ein Programm ist für mich ein dreidimensionales Gebäude mit Treppenhäusern, Fluren, Räumen und Versorgungsleitungen, in dem ich umhergehen kann", beschrieb ein anderer Spitzenprogrammierer dem Professor seine visionäre Art zu denken. "Wenn ich Fehler finden will, muss ich mich seitlich daneben stellen, um die richtige Perspektive zu haben". ... 
"Für mich steht fest, dass hervorragendes Programmieren eine Tätigkeit ist, die mit Intuition mehr zu tun hat als mit rationalem Denken", resümiert Molzberger. Dumpfe halbbewusste Gewissheiten entwickelten sich zu einem mentalen Bild, das oft mühsam in eine sprachliche Form gefasst werde. Der Professor: "Es ist eine Synthese von Funktionen, die wir der rechten und linken Hirnhälfte zuordnen". 
Quelle: "Ich bin wie ein Bildhauer". Softwareentwicklung als künstlerische Leistung, manager magazin 1/88

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Sonntag, 1. Mai 2016

Einige Beiträge älteren Datums,

die sich noch immer zu lesen lohnen: