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Sonntag, 31. Juli 2016

Poesie als Fluchthelferin

Die Poesie und erst recht die Übersetzung der Poesie ist also eine Fluchthelferin, eine Schlepperin, wenn man so will. Sie ist ein frischer Luftzug, eine Welterweiterungsmaschine, sie injiziert Ideen, Sichtweise, Perspektiven, die durch ihre bloße Andersheit betören und belebenden Wind und die nötige Spannung in den geistigen und seelischen Haushalt zu bringen vermögen; sie hilft uns, die immer drückendere, immer absolutere, immer aufdringlichere Präsenz der Gegenwart zu überschreiten. Die (übersetzte) Poesie ist die von Rückert so tatkräftig geschärfte und geschliffene Nadel, mit der wir unsere allzu aufgeblasene Gegenwart, so oft wir wollen, so oft wir ein Buch zur Hand nehmen, mit einem lauten Knall zum Platzen bringen können. 
Quelle: Fluchthelferin Poesie von Stefan Weidner in der FAZ vom 25. Juli 2016 

Die Hand. Werkzeug des Geistes

Von Ralf Keuper

Bisher haben sich nur wenige Bücher mit dem Einfluss der Hand auf die geistige Entwicklung des Menschen beschäftigt. Eine dieser Ausnahmen ist Die Hand. Werkzeug des Geistes.

In dem Beitrag Hand und Hirn schreibt Martin Weinmann:
Die Steuerprogramme der Hand stehen in der Hierarchie motorischer Verantwortlichkeiten weit oben und sind die Strukturen, die sich mit am weitesten von den archaischen Wurzeln der Bewegungssteuerung weg entwickelt haben. 
Am Beispiel der Primaten beschreibt Weinmann den Funktionswandel der Hand mit seinen Auswirkungen auf das Gehirn: 
Die Handentwicklung bei Primaten mag ein Beispiel dafür sein, wie neue anatomische Strukturen den personalen Raum plötzlich in einer Weise verändern, dass auch Perspektiven für einen Wandel der Funktion des Organs und damit die Notwendigkeit der Entstehung neuer neuronaler Steuerungsmechanismen entstehen. .. Die Fähigkeit einer einfachen Opposition von Daumen und Zeigefinger tritt erst bei den uns relativ nah verwandten Altweltaffen auf. Die Vielzahl von unterschiedlichen Handstellungen der Gebärdensprache wären den Affen nicht möglich. Neue Funktionen entstanden erst im Zusammenspiel von anatomischen Veränderungen der Hand und dem Umbau des neuronalen Steuerungsapparates. Dabei taucht das Problem des qualitativen Sprungs auf. Mitten in einer Funktionsumwandlung (zum Beispiel von der Laufhand zur Greifhand) gibt es meist eine Phase, in der ein Organ mehrere unterschiedliche Funktionen erfüllt. Gerade in diesen Übergangszeiten wird auf die Organe ein enormer Selektionsdruck ausgeübt. Der Gang des Schimpansen auf den Handknöcheln zeigt, dass sich Arm und Hand hier schon weit von ihrer früheren Funktion als Instrument der Fortbewegung entfernt haben. Solche Entwicklungen vollzogen sich auch im Gehirn. Ebenso wie die Hand des Schimpansen zum Vielzweckorgan wurde, mag die Evolution der Fähigkeit zur Planung komplexer motorischer Sequenzen einen Funktionsraum geschaffen haben, in dem diese neuen Fähigkeiten plötzlich auch in einem anderen Kontext der Motorik genutzt werden konnten. 
Damit die Hand ein Vielzweckorgan werden konnte, musste sich zunächst der Greiffuß zu einem Lauffuß entwickeln. Dadurch wurden die Hände nicht mehr zur Fortbewegung benötigt und standen für andere Tätigkeiten, wie z.B. für die Herstellung von Werkzeugen, zur Verfügung. Infolgedessen nahm das Hirnvolumen deutlich zu, wie Richard Michaelis in seinem Beitrag Vom Greifen zum Begreifen? hervorhebt:
Das Hirnvolumen vergrößerte sich demnach erst nach diesem evolutionären Schritt und in enger Korrelation mit dem zunehmend präziseren Gebrauch der Hände und Arme, die jetzt nicht mehr zum Abstützen während der Fortbewegung auf dem Boden nicht mehr als Greif- und Klammerwerkzeuge beim Leben auf Bäumen eingesetzt werden mussten. .. Zunehmend dienten die Hände nun aber auch zum Werfen von Steinen und angespitzten Stäben während der Jagd und zum Herstellen von Werkzeugen, die zum Schaben, Schlagen, Klopfen und Schnitzen gebraucht wurden. Der immer geschicktere Gebrauch der Arme und Hände erforderte sehr rasche und sehr präzise ballistische und repetitive Bewegungsabläufe der Arme und Hände, die nur durch zunehmend komplexere neuronale Strukturen in Gehirn und Rückemark ermöglicht und gesteuert werden können. 
Obwohl der Gebrauch von Armen und Händen für die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten von großer Bedeutung ist, folgt daraus nicht, dass Menschen, die wegen einer Behinderung ihre Hände nicht nutzen können, geistig zurückbleiben müssen:
Unter körperbehinderten Menschen, die von Beginn ihres Lebens an ganz oder nahezu vollständig auf ihre Hände zur Gestaltung ihres Lebens an ganz oder nahezu vollständig auf ihre Hände zur Gestaltung ihres Lebens verzichten müssen, finden sich viele Kinder, Frauen und Männer, deren kognitive Fähigkeiten denen von Gesunden in nichts nachstehen. Der scheinbar direkte Bezug zwischen "Greifen" und "Begreifen", wie es die deutsche Sprache nahelegt, kann also keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben. Für ihn lassen sich bisher auch keine neurobiologischen und neuropsychologischen Bestätigungen finden, wie überhaupt wenig darüber bekannt ist, welche Konditionen für die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten obligatorisch, fakultativ oder eher zu vernachlässigen sind. 
Die Evolution hat scheinbar Vorsorge für den Fall getroffen, dass es bei der Entwicklung heranwachsender Kleinkinder zu einem Ausfall wichtiger Funktionen des sensomotorischen Systems kommt. Michaelis bezeichnet dies als evolutionäre Strategie der Diversifizierung:
Mit der evolutionären Strategie der Diversifizierung der Entwicklung auf bestimmte Entwicklungsschienen wird gleichzeitig die Gefahr reduziert, die bei hierarchischen Systemen grundsätzlich besteht, dass eine Schädigung oder Störung zentraler Strukturen sofort den gesamten Entwicklungsverlauf aushebelt oder lahmlegt. Parallele Entwicklungswege, die intakt geblieben sind, ermöglichen dann immer noch eine funktionelle Kompensation, die ebenfalls im Sinne einer ontogenetischen, individuellen Adaption gedeutet werden kann. 
Seit einiger Zeit wird die Frage kontrovers diskutiert, welche Auswirkungen auf die kognitiven Fähigkeiten der Gebrauch digitaler Medien hat. So ist, nach Aussage von Gerald Hüther, der für die Regulation der Daumenbewegung zustände sensomotorische Kortex im Gehirn bei den heute 15jährigen durch die Bedienung der Tastaturen, wie beim Schreieben von SMS-Nachrichten, doppelt so groß. Gestützt wird diese Aussage durch eine Studie der Universität Zürich, wonach die Daumenfertigkeit auf dem Smartphone unser Gehirn verändert 

Sonntag, 17. Juli 2016

Es gibt keinen guten Stil an sich (Eduard Engel)

Es gibt keinen guten Stil an sich, es gibt nur einen zweckmäßigen und einen zweckwidrigen Stil; jener ist der gute Stil, dieser der schlechte. Die größten Meisterwerke der Prosa aller Zeiten und Völker fügen sich dieser einfachen Erklärung. ... 
Höchste Zweckmäßigkeit also ist höchster Stil, und alle Mannigfaltigkeit der guten Stilarten, die ganze Fülle der Stilmittel ist in dem Grundgedanken der Zweckmäßigkeit enthalten. Ob im einzelnen Fall ein dichterischer oder prosaischer Stil, feierlicher oder alltäglicher, ernster oder heiter, stiller oder bewegter, schlichter oder geschmückter Stil vorzuziehen, ist einzig nach dem Zweck des Schreibenden und seiner Schrift zu entscheiden.  ... 
Die ganz großen Meister des Stils, die Verfasser der an den zehn Fingern herzuzählenden ewigen Prosawerke, haben das Wunder vollbracht, dichterische Größe und Gedankentiefe in eine Form zu gießen, durch die sie den Weisesten und den Einfältigsten, den Greisen und den Jünglingen, den Männern und Frauen gleichermaßen lieb und verständlich geworden sind. ... 
Jeder irgendwie bedeutende Schreiber legt bewusst oder unbewusst sein inneres Wesen, alles Wichtige, alles Bleibende seines Menschenwesens in seinen Stil. Fast immer entschwindet uns nach einiger Zeit der Inhalt des Gelesenen, oder es bleiben nur Bruchstücke. Stand aber hinter dem Buch ein deutlich sichtbarer Mensch, so hinterlässt dieser ein unverlöschliches Bild. Je mehr von seiner Persönlichkeit ein Schriftsteller in seinen Stil zu ergießen vermag, desto tiefer gräbt sich das Bild seines Wesens ein. 
Man kann von den meisten Büchern, selbst von den meisten bedeutenden, behaupten: Inhalt verweht, Form bleibt. 
Quelle: Es gibt keinen guten Stil an sich!, FAZ vom 11. Juli 2016

Die Evolution des Menschlichen (Jost Herbig)

Von Ralf Keuper

In den 1980er Jahren setzte sich der Privatgelehrte Jost Herbig in seinen Büchern Im Anfang war das Wort. Die Evolution des Menschlichen und Nahrung für die Götter kritisch mit der Evolutionsbiologie und ihren Vertretern auseinander. Für Herbig sind Kooperation und das friedliche Miteinander, und nicht Rivalität und Krieg, für den Erfolg der menschlichen Spezies verantwortlich: 
Soziale Ordnungssysteme, die das Zusammenleben von Menschen regeln, Technik, Ökonomie, Moral und Religion wurden von Darwin ausschließlich unter dem eigenen Gesichtspunkt betrachtet, ob sie der Gruppe in der Rivalität mit ihren Nachbarn Überlegenheit verschaffen oder nicht. "Wenn ein Stamm viele Mitglieder besitzt, die aus Patriotismus, Treue und Gehorsam, Mut und Sympathie stets bereitwillig andern helfen und sich für das allgemein Wohl opfern, so wird er über andere Völker den Sieg davontragen", hatte Darwin durchaus richtig formuliert. Das Wichtigste hat er vergessen: Zu untersuchen, welche Rolle Rivalität und Stammeskrieg als Selektionsfaktoren gespielt haben. Angesichts des "Daseinskampfes" der Staaten im zeitgenössischen Europa sowie des verzweifelten und vergeblichen Kampfes der Wilden gegen das Vordringen der überlegenen Europäer erschien das selbstverständlich. Die menschliche Evolution wurde so oft auf innerartliche Konkurrenz zwischen verschiedenen Menschengruppen zurückgeführt. Und in dieser extrem verengten Perspektive schien die gesamte kulturelle Evolution nur unter dem Gesichtspunkt bemerkenswert, ob Neuerungen in der Rivalität zwischen Menschengruppen von Vorteil waren oder nicht (in: Im Anfang war das Wort)
Die kulturelle Evolution hat laut Herbig eben auch dazu geführt, dass die Menschen sich über rein biologische Einflussfaktoren erheben und nach neuen Formen des Zusammenlebens suchen konnten: 
Anstatt im Wilden den verhinderten Bourgeois zu sehen, hätte man jene letzte Menschen, die noch im vergangenen Jahrhundert ein Leben wie in der Steinzeit führten, als legitime Abkömmlinge der gleichen Art betrachten müssen, der auch wir angehören. Wer jedoch wie Darwin in seinem Werk über die Abstammung des Menschen die "tieferstehenden Rassen" lediglich als Objekte für kolonialistische Unterwerfung durch "zivilisierte Völker" sieht, wir nie die gesellschaftlich bedingte Relativität des eigenen Weltbildes durchschauen. Er wird daher die Gesellschaft und soziale Phänomene stets als abhängige Größen eines postulierten evolutionären Dauerkampfes zwischen verschiedenen Menschengruppen betrachten, in denen die "höhere" die "niedere" verdrängt. Und damit wird er das wichtigste Ergebnis der menschlichen Evolution, die Entstehung eines Bewusstseins, das die Bedingungen der eigenen Existenz reflektiert, um sie nach menschengeschaffenen Normen zu gestalten, ganz einfach übersehen (ebd.). 
Von besonderer Bedeutung ist für Herbig, die Fähigkeit des Menschen, u.a. durch den Einsatz von Werkzeugen, Stilmerkmale zu bilden: 
Die Fähigkeit, Stilmerkmale zu bilden und weiterzugeben, ist nicht aus einem willkürlichen angeborenen Widerwillen gegenüber Veränderung entstanden, sondern aus sozialer Notwendigkeit - aus der Notwendigkeit nämlich, den Zusammenhalt einer Gemeinschaft von Menschen, der nicht durch angeborene Verhaltensprogramme gesichert ist, durch gemeinsame kulturelle Werte, durch verbindliche Normen und Tradition zu sichern. Seltsamerweise taucht Stilbildung evolutionär erst in dem Augenblick auf, als der Mensch die Grenzen jenes von der Natur vorgegebenen Traditionalismus überwand, der, .., die Werkzeugherstellung während des größeren Teils der Menschheitsgeschichte als ein eher zoologisches Phänomen erscheinen lässt (ebd.).
Innovation und Tradition gehen bei der Evolution des Menschlichen Hand in Hand:  
Erst durch die innovative Fähigkeit, die unsere Art in die Lage versetzt hat, die Jäger- und Sammlerhorde zur Industriegesellschaft weiterzuentwickeln, konnte sich auch dieser stilistische Traditionalismus entwickeln. Der wahrhaftig traditionsgebundene Homo erectus kannte keinen Stil, und sein Standardwerkzeug, der Faustkeil, war ausschließlich funktional. Unser Traditionalismus ist, so paradox es klingt, nur die Kehrseite unserer Innovationsfähigkeit. Beide Fähigkeiten, Veränderung und Bewahrung, sind zwar angeboren, aber als Voraussetzungen eines kulturellen Mechanismus, der die veränderten Kräfte daran hinderte, sozial destruktiv zu werden. Verändernde und bewahrende Kräfte mussten im Gleichgewicht bleiben. Und das Niveau, auf dem sich dieses Gleichgewicht einstellte, wurde durch soziale Faktoren bestimmt (ebd.).
Die Bücher und Zeitungsbeiträge Herbigs lösten eine lebhafte Debatte aus.  In Was es bedeutet, Mensch zu sein. Die Ordnung der Welt ist nicht die der Natur umriss Herbig seinen Standpunkt: 
Zur Debatte steht vielmehr die Frage, ob Evolutionsbiologie die Versprechungen der Evolutionsbiologen einlösen kann. Lassen sich sittliche Normen und politische Handlungsempfehlungen aus der Biologie des Menschen ableiten? Gibt es tatsächlich eine Biologie von Ethik, Philosophie und Politik? ... Verhaltensbiologie kann daher eine notwendige, aber keine hinreichende Erklärung des gesellschaftlichen Verhaltens von Menschen sein. Auf der Ebene der Gesellschaft werden die angeborenen Verhaltensweisen durch übergeordnete kulturelle Normen und Traditionen geformt. Dort erfaßt die Verhaltensbiologie die „Mechanik“ von Verhaltensabläufen, deren kulturelle – soziale, politische, wirtschaftliche – Bedeutung aber entgeht ihr.
Als weitere Argumente führte Herbig an:  
Wenn schon unsere Vorläufer für eine vergleichsweise einfache Welt kulturelle Ordnungsmodelle entwickelten, dann haben wir in unserer weitaus komplexeren Welt nicht den geringsten Grund, uns auf Defizite unserer stammesgeschichtlichen Grundausstattung zu berufen. Für kulturelles Lernen offen zu sein, ermöglicht es uns als einziger biologischer Art, sowohl in Kleingruppen als auch in Staaten mit Millionen anderen Individuen zusammenzuleben und zu diesem Zweck die unterschiedlichsten Wirtschaftsformen, Weltbilder und Sozialordnungen zu entwickeln.
Herbigs Aussagen blieben nicht ohne Widerspruch, wie bei Peter Brügge, der von Politischen Rezepten aus der Frühzeit sprach. 

Brügge hielt Herbig entgegen: 
Ohne die geschmähte Verhaltensbiologie wüßten wir noch immer nicht, woher so etwas ganz natürlich kommt: wie jedermann fröhlicher und wissender Verursacher dessen sein kann, was ihn bedroht. Menschen sprayen das Ozonloch groß, über das sie sich entsetzen. Sie vergiften die Meere und suchen darin Erholung. Sie genießen den Atomstrom, den sie verfluchen. Sie arbeiten für die Rüstung und zittern vor deren Folgen - und um den Arbeitsplatz.

Aus der genetischen Ur-Natur des Menschen, nicht aus seinem bösen Willen erklärt sich die Naturwissenschaft so schizophrenen Aberwitz. Denn einerseits hat sich genetisch seit Jahrzehntausenden nichts am Homo sapiens geändert, während andererseits das in seinem Großhirn erwachte Bewußtsein die Evolution einer planetaren, in den Kosmos schweifenden Kultur entzündete. Herbig will diesen vitalen Antagonismus einfach nicht sehen.
Auch der bekannte Wissenschaftsjournalist Dieter E. Zimmer fand nur wenig Gefallen an den Aussagen Herbigs: In Die Macht der Gene. Die Koevolution von Natur und Kultur muß sorgfältig entziffert werden schreibt er:
Wenn einige Autoren aus dem weiten und offenen Land der Biologie im Kampf den wichtigsten Selektionsfaktor der jungen Menschheit gesehen und das gewalttätige Erbe betont haben, das wir zu tragen hätten, verdient das durchaus, kritisch unter die Lupe genommen zu werden. Das Gegenteil kann Herbig jedoch ebensowenig beweisen; wie sie kann auch er nur Indizien anbieten und ausdeuten. Und dabei übertreibt er die Friedfertigkeit der Jäger und Sammler mindestens ebenso sehr, wie einige „Biologisten“ deren kämpferisches Wesen übertrieben haben mögen. 
Herbigs Kritik an der Evolutionären Erkenntnistheorie hält Zimmer entgegen:
Aber evolutionäre Erkenntnistheorie hin oder her, es sind einfach empirische Tatsachen: daß wir uns Kausalitäten mit Vorliebe linear denken und Mühe haben, die komplexen Wirkungssysteme zu erfassen, in die wir eingebunden sind; daß wir uns auch Entwicklungen linear denken und exponentielle Zu- oder Abnahmen nur schwer begreifen; daß große Zahlen für uns immer nur „viel“ bedeuten; daß wir die Größe von Katastrophen in unseren Gefühlen nicht maßstäblich abbilden können; daß wir um der Konformität mit unserer Gruppe willen unbemerkt unsere Urteile beugen... Viele dieser Beschränkungen können wir durch bewußte Anstrengung und durch die Hilfsmittel von Wissenschaft und Technik überwinden. Aber es ist besser, nicht einfach zu leugnen, daß es sie zunächst einmal gibt.
Zum Schluss hielt Zimmer fest:
Für Aussagen wie „Menschliches Verhalten wird von genetischen Programmen regiert“ oder „Genetische Verhaltensprogramme gibt es beim Menschen nicht mehr“ sollte langsam kein Platz mehr sein. Im Fall des Menschengeschlechts findet seit Jahrmillionen eine Koevolution von Natur und Kultur statt, die sorgfältig entziffert werden muß. Das Individuum konstituiert sich in einer beständigen Auseinandersetzung genetischer Programme mit der Umwelt, darunter deren kulturellen Einflüssen. Aus starren Verhaltensprogrammen sind beim Menschen Verhaltensvorschläge geworden – aber unsere Freiheit ist nicht unbegrenzt, wir lernen nicht alles, und nicht alles gleich leicht. Der Mensch ist von Natur aus ein kulturbedürftiges Wesen – aber eine nicht auf typisch menschlichem Handeln, Fühlen und Denken beruhende Kultur wäre ihm nie beizubringen.
In den letzten Jahren haben sich mehrere Autoren, von unterschiedlichen Positionen aus, mit dem von Herbig gegeißelten Biologismus beschäftigt, wie Joachim Bauer in "Das kooperative Gen: Abschied vom Darwinismus" und Frans de Wals in "Primaten und Philosophen. Wie die Evolution die Moral hervorbrachte". 

Stolz berichtete Gerhard Roth vor einiger Zeit in einem Interview, dass es der Hirnforschung gelungen sei, den Nachweis zu erbringen, dass die Umwelt einen deutlichen größeren Einfluss auf das menschliche Verhalten hat, als viele Genforscher annehmen.

Damit befindet er sich auf einer Linie mit Adolf Portmann, der bereits vor Jahrzehnten feststellte:
Entscheidend ist die neue Erkenntnis, unsere kulturelle Lebensform sei durch und durch der für die Evolution wirksame wesentliche Faktor. Das heisst zunächst, dass in der besonderen Evolution des Menschen nicht in erster Linie die Übertragung von erblichen Mutationen der Keimanlage die wichtigsten Veränderungen bewirkt, sondern dass die geschichtliche Tradition durch unsere erlernten Kommunikationsweisen die Weitergabe von Neuerschafftem leistet. Die Genetiker selber sprechen von "sozialer Vererbung" und betonen, dass deren Wirksamkeit den Gang der natürlichen, der Vererbung von Keimveränderung bei weitem übertrifft. Soziale Vererbung ist das Instrument einer beschleunigten Evolution von unerhörtem Ausmaß. Durch die Intensivierung der Kontakte, der Publizistik, der Schulung, der Wirtschaft wird die Zeitspanne zwischen tief eingreifenden Neuerfindungen technischer oder künstlersicher Art immer kürzer - ein Phänomen, das zunächst einfach festgestellt werden muss, ohne dass wir irgendeine Wertung an diese Aussage knüpfen. ... (in: Naturwissenschaft und Humanismus)

Samstag, 9. Juli 2016

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus Philosophie und Wissenschaft #26

Von Ralf Keuper

Erneut eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

Die Defizite bildgebender Verfahren am Beispiel der Hirnforschung

Von Ralf Keuper

Kann es sein, dass ein gewöhnlicher "Bug", ein Softwarefehler, 24 Jahre Hirnforschung zunichte macht?  Wie u.a. Motherboard und Heise berichteten, haben Forscher der schwedischen Universität Linköping festgestellt, dass die Analysemethoden der drei meist genutzten Software-Pakete, die bei der Funktionellen Magnetresonanz eingesetzt werden, zu Ergebnissen führen, die sog. Falsch-Positiv-Raten von bis zu 70 Prozent erzeugen. Ausgegangen waren die Forscher von 5 Prozent. Das hat dazu geführt, dass Hirnaktivitäten angezeigt wurden, obwohl keine vorlagen. Es wurden also positive Daten ausgegeben, obwohl nicht vorhanden. Damit können 40.000 fMRT-Studien seit 1992 nahezu wertlos sein. Verantwortlich für diese gravierenden Abweichungen sei ein Softwarefehler, der sich vor 15 Jahren im Quellcode der Software eingeschlichen habe, der inzwischen aber beseitigt wurde.

Gründe für die fehlerhaften Werte seien, so u.a. Motherboard, hohe Kosten für fMRT-Scans sowie die geringe Rechenkapazitäten, die großangelegte Untersuchungen mit mehreren hundert Probanden bis vor kurzem noch unmöglich machten. Dank gestiegener Rechenleistungen und des Data Sharing könnten die Untersuchungen mittlerweile schneller validiert werden. 

Kate Lunau schließt in ihrem Beitrag auf Motherboard mit den Worten 
Die neuesten Erkenntnisse sollten der Wissenschaftswelt vor allen Dingen eins klarmachen: Es ist wichtig, Daten kostenlos mit anderen Institutionen aus dem gleichen Forschungsbereich zu teilen. Sonst wären beispielsweise Eklunds Analyse und die Veränderungen, die sich daraus vielleicht noch ergeben werden, nicht möglich gewesen.
Anscheinend sind Lunau und zahlreiche Hirnforscher der Ansicht, dass es mit mehr Rechenleistung und Data Sharing getan ist, um die Forschungen abzusichern. Keine Rede davon, ob und inwieweit bildgebende Verfahren für die Hirnforschung geeignet sind. Dabei gibt es schon seit Jahren Kritik an dem Einsatz bildgebender Verfahren in der Hirnforschung, wie von Felix Hasler. In einem Interview mit dem SPIEGEL sagte Hasler:
Einige Hirnforscher reklamieren umfassende Welterklärungsansprüche, dabei sind ihre empirischen Daten zu komplexen Bewusstseinsvorgängen kaum belastbar. Die Wiederholbarkeit vieler Studien ist gering. Gerade bei der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) liegt die Überschneidung der Bildgebungsdaten bei Messwiederholung oft unter 30 Prozent. Kaum ein anderer Wissenschaftszweig würde damit durchkommen. Aber die Öffentlichkeit lässt sich gerne vom Neuroglamour blenden.
Die methodischen Defizite waren also schon länger bekannt. Einer der heftigsten Kritiker bildgebender Verfahren in der Hirnforschung ist Michael Wagner, der u.a. von der Cyber-Phrenologie spricht. In den letzten Jahren beschäftigten sich mehrere Beiträge kritisch mit der Verwendung von fMRT in der Hirnforschung und den Folgerungen, die daraus häufig gezogen wurden, wie in:
In Controversial science of brain imaging wirft Mahir Ozdemir ein: 
Given the giant interest and investments in this technology and the flood of publications revealing countless correlations between the fMRI signals and brain functions, it is astonishing how little we know about the BOLD signal and its accurate interpretation. 
Ozdemir schließt seinen Beitrag mit der Bemerkung:
It seems that neuroscience reductionism is now replacing its genetic counterpart to find an explanation for everything about ourselves using neuronal correlates instead of genes. While I understand and acknowledge the astonishing advancement of science and its benefits, I tend to think that this infinite spiral of reductionist path may not allow us to make the leap of truly understanding who we are. Science has already come a long way helping us in understanding the nature. Perhaps being creatures of nature, some aspects of it will forever elude us and we may never fully grasp the human experience.
Hans Sandkühler hält in Kritik der Repräsentation zum methodischen Vorgehen der fMRT in der Hirnforschung u.a. fest:
In neurowissenschaftlichen Experimenten werden nicht mentale repräsentationale Leistungen gemessen, deren physische Basis diese oder jenes individuelle Gehirn ist, sondern physische Prozesse/Zustände eines neurobiotischen Systems. Die Prozesse/Zustände dieses Systems werden aufgrund bestimmter theoriegeleiteter Hypothesen und Erkenntnisziele und mithilfe mathematischer/statistischer Methoden in Bilder/Zeichen transformiert. Die transformierten Daten werden als Repräsentationen interpretiert. Je nach dem gewählten epistemologischen Profil, nach der präferierten Rahmentheorie und dem der Theorie zugehörigen Begriffsschema kommt es - oder kommt es nicht - zu Aussagen über mentale Aktivitäten im Gehirn. Diese ergeben sich aber nicht direkt aus dem experimentell gewonnenen Datenmaterial, sondern sind das Ergebnis von Interpretationen. Die Interpretationen sind an Überzeugungen, Denkstile, Denkgemeinschaften und Wissenskulturen gebunden. 
Weitere Informationen:

Gehirnscanner oder Verhalten?

Samstag, 2. Juli 2016

Wie die Blockchain staatliche Institutionen überflüssig machen will

Von Ralf Keuper

Der Traum libertärer Denker, eine Welt ganz bzw. fast ganz ohne staatliche Institutionen errichten zu können, scheint mit der Blockchain-Technologie in Erfüllung zu gehen. Wohl noch nie ist in eine Technologie so viel hineininterpretiert worden, wie in die Blockchain - jedenfalls nicht über so einen kurzen Zeitraum. Eine vergleichbare Resonanz auszulösen, hat selbst die Künstliche Intelligenz länger gebraucht. 

Eine prägnante Definition der Blockchain liefert Johannes Kuhn in Erst Bitcoin, dann die Welt
Die Blockchain ist ein digitaler Kontoauszug für Transaktionen zwischen Computern, der jede Veränderung genau erfasst, sie dezentral und transparent auf viele Rechner verteilt speichert. Damit ist die Information nicht (oder nur mit ungeheurem Aufwand) manipulierbar und verifiziert.
Folge davon ist, dass, im Idealfall, für die sichere Abwicklung von Transaktionen, wie Zahlungen, kein Mittelsmann, keine Institution, wie eine Bank, mehr nötig ist.  Aber das ist noch nicht alles: Mit sog. Smart Contracts können auch Verträge automatisch abgewickelt werden, ohne dass noch menschliches Eingreifen nötig wäre. Smart Contracts könnten also für alle Vertragsbeziehungen verwendet werden. Damit würden nicht nur Juristen überflüssig, sondern auch staatliche Institutionen, da die Überwachung der Einhaltung der Regeln von Algorithmen übernommen wird. In Thomas Hobbes und die Blockchain entwerfen, Dr. Philipp Müller, Niels Proske und Manfred Klein ein Szenario, in dem die Blockchain staatliche Aufgaben übernommen hat. Mit der Blockchain-Technologie sei es, prinzipiell, möglich, die Staatsfunktionen, wie sie Thomas Hobbes und Max Weber formuliert haben, dezentral, ohne Richtinstanz, zu organisieren, ohne dass dabei das Vertrauen in die Regeln verloren ginge. Die Autoren definieren die Blockchain wie folgt:
Man kann sich eine Blockchain als eine verteilte Datenbank vorstellen, in der Werte und Werteverschiebungen mit einem Zeitstempel versehen und nachvollziehbar dokumentiert werden. Über die Dokumentation werden die Transaktionen transparent und können bis zu ihrem Ursprung nachvollzogen werden. Die Kernidee ist, dass dieses Register eben nicht durch eine zentrale intermediäre Organisation (den Staat oder zum Beispiel eine Bank) betrieben wird, sondern dezentral, redundant auf vielen oder gar allen Computern der Teilnehmer.
Aus dieser Beschreibung geht noch deutlicher, als aus der von Kuhn hervor, weshalb der Einfluss der Blockchain nicht allein auf die Banken beschränkt ist. So könnte die Blockchain nach Ansicht der Autoren in Entwicklungsländern bei der Durchsetzung von Verfügungsrechten für die nötige Rechtssicherheit sorgen. In den entwickelten Ländern könnte die Blockchain für mehr Transparenz und sinkende Kosten, u.a. durch beschleunigte Verfahren, sorgen. 

Mit ihren Gedanken deutlich weiter gehen die Vertreter der sog. Cryptoecnomics, wie z.B. in dem Paper Economics of Blockchain. In dem betont dezentralen Ansatz der Blockchain sehen die Autoren die spontane Ordnung, wie sie F.A. von Hayek für Märkte entworfen hat, verwirklicht. Mit der Blochchain-Technologie sei es nun möglich, das Projekt dezentral organisierter Märkte, die in der Summe über mehr Wissen verfügen, als zentrale Steuerungsinstanzen, wie staatliche Organisationen, Realität werden zu lassen. Die Blockchain vollziehe ein Entwicklung nach, die in der Natur bereits Standard ist; der Übergang von Zentralisierung hin zu Dezentralisierung. 

Es fällt auf, dass die Vertreter der Blockchain-Technologie Anleihen bei zahlreichen geistigen Strömungen, wie dem Neo-Liberalismus, der Staatstheorie und dem Biologismus machen, so dass der Eindruck des Eklektizismus entsteht. Man nimmt sich, was man braucht, um seine Thesen zu belegen. 

Die Behauptung, die Evolution verlaufe in Richtung zunehmender Komplexität, wurde in der Vergangenheit u.a. von Stephen Jay Gould in Illusion Fortschritt in Zweifel gezogen. 

Mittlerweile sorgen die Ereignisse um das Projekt The DAO, einer Art Investmentfirma oder Investmentfonds, der ganz auf die Blockchain (Ethereum), Smart Contracts und Digitale Währungen (Ether) setzt, für einige Ernüchterung. Es stellte sich heraus, dass es durchaus regelkonform sein kann, das Projekt um 50 Millionen Dollar zu erleichtern. Enttäuschten Anhängern oder Anlegern wurde u.a. entgegnet, es sei ihre eigene Schuld, da die Algorithmen korrekt gearbeitet hätten. Wenn man den Algorithmus verstehen würde, dann wäre man vor Überraschungen sicher. Dem wiederum halten andere entgegen, dass es ja wohl nicht Sinn der Sache sein kann, die Regeln genau verstehen zu müssen, also quasi ein Informatikstudium oder eine vergleichbare Ausbildung absolviert zu haben, um an Projekten wie The DAO teilnehmen zu können. Solch eine Firma brauche niemand. Dann doch lieber die gute alte Bank, die staatliche reguliert ist und von Aufsichtsbehörden überwacht wird; kurzum: Bei der staatliche Institutionen für das nötigen Vertrauen sorgen. Leicht ernüchert stellte selbst Coindesk fest: The DAO Shows Blockchain Can't Code Away Social Problems. Bailey Reutzel schreibt darin: 
Just putting a problem on a blockchain or into a decentralized system doesn’t necessarily provide a solution. If the process is still complex and convoluted, the system continues to have the same problems that our current, more centralized systems have.
In der aktuellen GDI-Impuls-Ausgabe äußert Frances Coppola ihre Zweifel an der Tauglichkeit der Blockchain und von Smart Contracts:
Blockchain-gestützte Smart Contracts stossen schnell an ihre Grenzen, wenn sie es mit der komplexen Lebenswirklichkeit zu tun bekommen, die Verträge zwischen Menschen auszeichnen.
Wie kann eine Technologie die juristische Argumentation, den Diskurs, wie er u.a. von Jürgen Habermas und Robert Alexy untersucht wurde, abbilden? 
Ralf Dahrendorf sprach einmal davon, dass es nicht um die Freiheit von Institutionen gehe, sondern um die Freiheit durch Institutionen. Und auch Karl R. Popper war davon überzeugt, dass eine funktionierende offene Gesellschaft auf staatliche Institutionen angewiesen ist. Ähnlich äußerte sich John Rawls

Institutionen haben - bei allen Nachteilen - den Vorteil, dass man sie kritisieren und verbessern kann, wenngleich die Anpassungen längst nicht immer in der gewünschten Schnelligkeit passieren. Wie die Beispiele von The DAO und die Flash Crashs zeigen, können Schnelligkeit und Effizienz zum Problem werden, wenn daraus eine Kettenreaktion mit negativen Konsequenzen für Beteiligte und Unbeteiligte folgt. 

Weitere Informationen:

Hacker statt Juristen? Probleme bei Smart-Contract-Projekt „The DAO“ weiter ungelöst