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Samstag, 10. September 2016

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus Philosophie und Wissenschaft #28

Von Ralf Keuper

Erneut eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

Mehr Einfluss für die Ökonomen?

Von Ralf Keuper

In den letzten Jahren war der Ruf nach einem stärkeren Einfluss der Ökonomen auf die Politik bzw. die Politikberatung eher verhalten. Zu sehr war noch die Finanzkrise präsent, die von der überwältigenden Mehrheit der Ökonomen nicht vorausgesehen wurde. Nicht wenige Ökonomen haben durch ihre Einflussnahme bzw. ihren Forderungen nach einer Deregulierung der Finanzmärkte den Grundstein für die Finanzkrise mit gelegt. Seitdem wurde und wird an verschiedenen Stellen das Versagen der Ökonomen thematisiert, wie in 
Dass Ökonomen eine heraufziehende Wirtschaftskrise nicht erkennen, ist indes nicht neu. In seinen Erinnerungen aus meinem Leben schreibt der Bankier und Ökonom Felix Somary über den Stand der Ökonomie am Vorabend der Weltwirtschaftskrise:
Mir kam es klar zum Bewusstsein, wie furchtbar die politische Ökonomie gelitten hatte, seitdem sie von einem Zweig der Staatskunst zu einer bloßen Schulweisheit hinabgeglitten ist. Was bedeuteten einst Bodin und Sully für Frankreich, wie tief wirkten Adam Smith und Turgot. Aber die braven Schulmeister, .., spürten keinen Hauch von dem Sturm, der da heranbrauste. Man erhitzte sich in Detailfragen, die Weltlage interessierte nicht. Auch am Abend in meinem Hause waren Herkner, Sombart, Emil Lederer sich darin einig, dass eine Krise nicht in Sicht sei - seien doch die Warenpreise überhaupt nicht gestiegen. .. Es waren hier Vertreter von mindestens einem Dutzend Konjunkturtheorien anwesend, aber keiner ahnte das nahe Kommen der größten Krise unserer Generation. 
Über die Weisheit des Sachverständigenrates der Bundesregierung schreibt Lisa Nienhaus in Die Blindgänger. Warum Ökonomen auch künftige Krisen nicht erkennen werden:
Weder die Krise am Neuen Markt noch die große Wirtschaftskrise, die unser Land zurzeit bewegt, haben sie (die Wirtschaftsweisen) vorhergesehen. Dass die Wirtschaftsweisen in diesem Punkt dann doch nicht weiser sind als andere Ökonomen, ist bedauerlich, denn wenige andere Volkswirte verfügen über ähnliche Möglichkeiten, laut und deutlich vor Fehlentwicklungen zu warnen. Wenige andere Volkswirte haben einen solch uneingeschränkten Zugang zum politischen Personal. Der Sachverständigenrat kann etwa auf Verlangen jeglichen Bundesminister und auch den Präsidenten der Bundesbank anhören. 
Also trotz ihres exklusiven Zugang zu den Zirkeln der politischen Macht, trotz der großzügigen Förderung durch öffentliche Mittel, haben die Ökonomen bzw. die Wirtschaftsweisen in den entscheidenden Phasen die Gefahr nicht oder zu spät erkannt. 

Dennoch erklingen derzeit Forderungen nach einer stärken Beteiligung der Ökonomen in der Politikberatung, wie von Patrick Bernau in Mehr Einfluss für die Ökonomen. An verschiedenen Beispielen, wie der Fusion von Tengelmann-Edeka, dem Brexit-Votum und dem Mindestlohn, gegen die eine Vielzahl, gleichwohl nicht alle, Ökonomen Widerspruch geäußert haben, glaubt Bernau die Berechtigung, für einen weitergehenden Einfluss der Ökonomen auf die politische Willensbildung ableiten zu können. Die Ziele der Ökonomen seien nicht falsch. Sie dienten dem langfristigen Wohlstand. Außerdem hätten die Ökonomen frühzeitig vor der Einführung des Euros gewarnt - vergeblich. 

Sicher - die Expertise der Ökonomen ist wichtig. Dennoch: Es gibt keine gesellschaftliche Gruppe, die aus ihrem Rang, ihrer Expertise, ihrem Wissen den Anspruch ableiten kann, in Fragen, die für die Gesellschaft von hohem Interesse sind, die letzte Instanz - und in ihrem Urteil damit quasi unfehlbar - zu sein; das wäre ein klarer Fall von Anmaßung des Wissens (F.A. von Hayek). Die Forderung nach einem größeren Einfluss von Ökonomen auf die politische Willensbildung konsequent zu Ende gedacht bzw. auf die Spitze getrieben, würden sich richtungsweisende Wahlen erübrigen - wir bräuchten nur die Mehrheitsmeinung der Ökonomen einzuholen oder ihre Empfehlungen eins-zu-eins umsetzen. Das kann nicht der Weg sein. 

Ökonomen können nur einen Teil der Wahrheit erfassen, vorausgesetzt wir nehmen an, dass sie über kein Offenbarungswissen und auch sonst über keine gottähnlichen Fähigkeiten verfügen. Die bisherige Bilanz legt die Vermutung nahe, dass wir es mit normalsterblichen Vertretern unserer Spezies zu tun haben.

Lisa Nienhaus wendet gegen den Überlegensheitsanspruch der Ökonomen ein:
Sie (die Ökonomen) sind einflussreicher als Politikwissenschaftler oder Soziologen und verfügen über komplizierte Modelle von der Welt als die meisten anderen Sozialwissenschaftler, ihre Methoden sind schwerer zu erlernen. Dass sie deshalb überlegen sind, ist allerdings zu bezweifeln. Überhaupt ist fraglich, ob es notwendig ist, das zu beurteilen. Auf jeden Fall wirkt so eine Haltung unnötig arrogant. 
Was die mathematische Qualität der Modell der Ökonomen betrifft, kommt der renommierte Physiker Lee Smolin zu einem wenig schmeichelhaften Ergebnis.

Wie u.a. Albert Hirschmann gezeigt bzw. gelehrt hat, sind Ökonomen und ihre Theorien von Interessen geleitet bzw. deren Ausdruck. Das ist an sich nicht verwerflich, nur sollte man nicht so tun, als ginge es hier um objektive Meinungen oder um Tatsachen, die keiner weiteren Interpretation bedürfen. Insofern kann man John Kenneth Galbraith zustimmen, der in der Einleitung zu seinem Essay Die Ökonomie des unschuldigen Betrugs. Vom Realitätsverlust der heutigen Wirtschaft schreibt:
Die Kernthese dieses Essays lautet, dass die Volkswirtschaftslehre, aber auch Wirtschafts- und politische Systeme im Allgemeinen, aus finanziellen und politischen Interessen und aufgrund kurzlebiger Modetrends ihre eigene Version der Wahrheit kultivieren. Diese hat nicht unbedingt etwas mit der Wirklichkeit zu tun. Niemand Bestimmtes trifft eine Schuld; schließlich glauben die meisten Menschen das, was sie glauben möchten. Alle Volkswirte, alle Studenten der Wirtschaftswissenschaften und alle Menschen, die sich für ökonomische und politische Fragestellungen interessieren, sollten sich dessen bewusst sein. Das, was mächtigen ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Interessen dient oder ihnen zumindest nicht entgegensteht, gilt als die Wahrheit. 

Samstag, 3. September 2016

Die Fusion als neues Paradigma

Von Ralf Keuper

In der Wirtschaft ist ständig von Fusionen die Rede. Dennoch sorgen einige Meldungen, wie die, wonach die Deutsche Bank sich mit dem Gedanken trage, die Commerzbank zu übernehmen, für größeres Aufsehen. Einige Kommentatoren gaben jedoch zu bedenken, dass aus einer Fusion zweier schwächelnder Banken noch lange kein vitales Finanzinstitut hervorgeht. 
Fusionen sind häufig das letzte Mittel, zu dem Firmenchefs greifen, wenn das eigene Unternehmen seinen Zenit überschritten hat und aus eigener Kraft nicht mehr wachsen oder eine kritische Mindestgröße erreichen kann, wobei man darüber streiten kann, wie eine "Mindestgröße" definiert wird. 

Im September 2000 verfasste Nicole C. Karafyllis in der FR den Beitrag Wachstumsbranchen. Ob Zellkerne oder Wirtschaftsunternehmen. Es wächst zusammen, was nicht zusammen gehört. Die Fusion als neues Paradigma

Karafyllis wirft eine grundsätzliche Frage auf, wenn sie schreibt:
Wenn Unternehmen, Zellkerne und Atomkerne fusionieren, verbinden sich immer mindestes zwei Systeme. Fusionieren bedeutet allgemein, Systemgrenzen zu überwinden. Aber es schwingen unterschiedliche Konnotationen mit: Wer ist der größere und wer der kleinere, wer der stärkere und wer der schwächere, wer der aktive und wer der passivere, wer der identitätsstiftende und wer der einverleibte, resorbierte und gedanklich aussterbende Teil?
Fusionen stossen irgendwann an quasi natürliche Grenzen:
Fusion stellt die Frage nach Größe. Größe wiederum hat etwas mit Wachstum und Macht zu tun. In der Biologie fusionieren Ei- sowie Samen- und auch andere Zellen miteinander, damit Wachstum möglich wird. Ab einer bestimmten Größe beginnen Zellen sich wieder zu teilen, weil es sonst zu Versorgungsengpässen käme, und um das Überleben des Zellverbandes, genannt Lebewesen, zu gewährleisten. Die ökonomische Verbindung dagegen geht so lange, bis die Bilanz sie scheidet. 
Fusionen können schnell den Status eines Allheilmittels erlangen. Die Fusion ist damit per se positiv besetzt, liegt ihr doch ein Naturgesetz zugrunde:
Die Phänomene Fusion und Wachstum suggerieren, auch in der Ökonomie, eine eigendynamische Naturgesetzlichkeit, die uns in die bekannte Position der ohnmächtigen Marionette verbannt. Dabei sind wir Teil dessen, was um uns herum und letztlich ja auch mit uns passiert. Unternehmen werden von Menschen geleitet. Wo jedoch vorwiegend Aktienkurse interessieren, tritt die Frage nach dem Sinn und Zweck der Ökonomie in den Hintergrund. Und wenn man biotechnisch artfremde Lebewesen miteinander kreuzen kann, muss man nicht mehr danach fragen, was eigentlich Leben ist, wie es entsteht und sich erhält. Die gedankliche Abkopplung des Wertes von der Materie, die diesen Wert erst formt, erlaubt es, körperlose Wertzuschreibungen in Form von Kursen anzunehmen, deren Wachstum keine Grenzen gesetzt sind. 
Die Mehrzahl der Fusionen scheitert; die erstrebten Synergien und Kostenvorteile können nur selten realisiert werden. Über die Gründe wird indes eifrig diskutiert, wie in 
Noch immer lesenswert ist das Interview Wir sind doch nicht blind!, das der damalige Präsident des Bundeskartellamts, Wolfgang Kartte, im Jahr 1992 dem Spiegel gab.