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Sonntag, 13. November 2016

Die Denkerfahrung hat ihren eigenen ästhetischen Charakter (John Dewey)

Kein Denker kann seinen Beruf ausüben, ohne von allumfassenden, integrierenden, ihren Wert in sich selbst tragenden Erfahrungen angezogen und durch sie belohnt zu werden. Ohne sie wüsste er niemals, was Denken tatsächlich bedeutet, er wäre bei der Unterscheidung zwischen wahrem und scheinbarem Denken ganz und gar ratlos. Denken vollzieht sich in Form von Ideenketten, doch die Ideen bilden nur deshalb eine Kette, weil sie weitaus mehr darstellen als das, was die analytische Psychologie als Gedanken bezeichnet. Sie sind praktisch und gefühlsmäßig voneinander unterschiedene Phasen einer zugrundeliegenden, immer deutlicher hervortretenden Qualität; sie sind deren dynamische Spielarten; sie sind nicht isoliert und voneinander unabhängig wie Lockes und Humes sogenannte Ideen und Eindrücke, sondern subtile Schattierungen eines sich verbreitenden und stärker werdenden Farbtons. ... 
Daher hat eine Denkerfahrung ihren eigenen ästhetischen Charakter. Sie unterscheidet sich von denjenigen Erfahrungen, deren ästhetischer Charakter gemeinhin anerkannt ist, lediglich durch ihre stofflichen Inhalte. Das Material der Schönen Künste besteht aus Eigenschaften; das Material einer Erfahrung, die zu einer intellektuellen Schlussfolgerung führt, besteht aus Zeichen und Symbolen, ohne eigenständige Qualität; die jedoch Dinge ausdrücken, die in einer anderen Erfahrung qualitativ erlebt werden können. Der Unterschied ist gewaltig. Es ist einer der Gründe dafür, warum die streng intellektuelle Kunst niemals in der Weise populär sein wird, wie es die Musik ist. Gleichwohl gewährt die Erfahrung an sich eine emotionale Befriedigung, da sie eine durch geordnete und systematisierte Bewegung gewonnene innere Integration und Erfülltheit besitzt. Diese künstlerische Struktur kann unmittelbar empfunden werden. Insofern ist sie ästhetisch. 
Quelle: John Dewey. Kunst als Erfahrung

Samstag, 5. November 2016

Frankfurter Schule und Wiener Kreis: Ein ambivalentes Verhältnis

Von Ralf Keuper

In seinem Buch Positivismusstreit. Die Auseinandersetzungen der Frankfurter Schule mit dem logischen Positivismus, dem amerikanischen Pragmatismus und dem kritischen Rationalismus geht Hans-Joachim Dahms auf die verbindenden und trennenden Elemente zwischen der Frankfurter Schule und dem Wiener Kreis ein:
Die Programme und Lehren der beiden Gruppen enthalten alles in allem also zunächst eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten und dann sozusagen komplementäre Defizite. Bei der Frankfurter Schule war der Bereich der Naturwissenschaften und Mathematik faktisch ausgeblendet, beim Wiener Kreis der sozialwissenschaftliche und historische Bereich unterentwickelt. Eine solche Konstellation ist, von ihren Entwicklungschancen her betrachtet, ambivalent. ... 
Im ganzen ergibt der Vergleich von politischer Haltung und Aktivität der Frankfurter Schule mit dem Wiener Kreis vor 1933, grob gesagt, folgende Bilanz: hier (in Frankfurt) eine ausgebautere sozialwissenschaftliche Theorie, dort (in Wien) eine intensivere Beteiligung an praktischer sozialistischer Politik bei den meisten Mitgliedern des Wiener Kreises.

Eine - zumal im Vergleich mit anderen deutschsprachigen philosophischen Strömungen ins Auge fallende - Gemeinsamkeit zwischen Frankfurter Schule und dem Wiener Kreis ist schließlich das beiden gemeinsame Schicksal der politisch und "rassisch" motivierten Emigration, in die sie vom Nationalsozialismus bzw. vom Austrofaschismus gezwungen wurden; und dies - im Unterschied zu allen anderen deutschsprachigen philosophischen Schulen (wie dem Neukantianismus, der Phänomenologie und der Lebensphilosophie) - fast ohne Ausnahme. Dies halte ich für keine zu unterschätzende Gemeinsamkeit, zumal den Nationalsozialisten bzw. den Austrofaschisten die Lehren der beiden Gruppen jeweils als zersetzend und kulturbolschewistisch galten.