Meine Blog-Liste

Sonntag, 23. April 2017

Das späte Mittelalter war in keiner Weise ein dunkles Zeitalter (Carl-Friedrich von Weizsäcker)

Das späte Mittelalter war in keiner Weise ein dunkles Zeitalter; es war eine Zeit hoher Kultur, von gedanklicher Energie sprühend. Jene Zeit übernahm die Philosophie des Aristoteles, weil er sich mehr als irgend ein Anderer der sinnlichen Wirklichkeit annahm. Aber die Hauptschwäche des Aristoteles war, dass er zu empirisch war. Deshalb brachte er es nicht zu einer mathematischen Theorie der Natur. Galilei tat seinen großen Schritt, indem er wagte, die Welt so zu beschreiben, wie wir sie nicht erfahren. Er stellte Gesetze auf, die in der Form, in der er sie aussprach, niemals in der wirklichen Erfahrung gelten und die darum niemals durch irgendeine einzelne Beobachtung bestätigt werden können, die aber dafür mathematisch einfach sind. So öffnete er den Weg für eine mathematische Analyse, die die Komplexität der wirklichen Erscheinungen in einzelne Elemente zerlegt. Das wissenschaftliche Experiment unterscheidet sich von der Alltagserfahrung dadurch, dass es von einer mathematischen Theorie geleitet ist, die eine Frage stellt und fähig ist, die Antwort zu deuten. So verwandelt es die gegebene "Natur" in eine manipulierbare "Realität". Aristoteles wollte die Natur bewahren, die Erscheinungen retten, sein Fehler ist, dass er dem gesunden Menschenverstand zu oft Recht gibt. Galilei zerlegt die Natur, lehrt uns, neue Erscheinungen willentlich hervorzubringen, und den gesunden Menschenverstand durch Mathematik zu widerlegen. 
Quelle: Die Tragweite der Wissenschaft

Samstag, 15. April 2017

Die Doppel-Helix. Ein persönlicher Bericht über die Entdeckung der DNS-Strutur (James D. Watson)

Von Ralf Keuper

Die Entdeckung der Doppel-Helix durch James D. Watson und Francis Crick gehört zu den Höhepunkten der naturwissenschaftlichen Forschung des vergangenen Jahrhunderts. Der Weg, der die beiden Forscher zu dem Modell der Doppel-Helix führte, entspricht eigentlich gar nicht so sehr den Vorstellungen, die Außenstehende sich häufig von der Arbeit im Labor machen. 

Eine wichtige Inspirationsquelle bei ihren Überlegungen und Experimenten war die Entdeckung der Alpha-Spirale durch Linus Pauling. In Die Doppel-Helix. Ein persönlicher Bericht über die Entdeckung der DNS-Struktur schreibt James D. Watson:
Ich kam bald dahinter, dass Paulings Leistung ein Produkt des gesunden Menschenverstandes und nicht das Ergebnis komplizierter mathematischer Überlegungen war. Hier und da hatte sich eine Gleichung in seine Beweisführung verirrt, aber in den meisten Fällen hätten Worte es auch getan. Der Schlüssel zu Paulings Erfolg war sein Vertrauen auf die einfachen Gesetze der Strukturchemie. Die Alpha-Spirale war nicht etwa durch ewiges Anstarren von Röntgenaufnahmen gefunden worden. Der entscheidende Trick bestand darin, sich zu fragen, welche Atome gern nebeneinander sitzen. Statt Bleistift und Papier war das wichtigste Werkzeug dieser Arbeit ein Satz von Molekülmodellen, die auf den ersten Blick dem Spielzeug der Kindergarten glichen. 
Das Vorgehen erinnert ein wenig an das seit einigen Jahren so beliebte Rapid-Prototyping.  

Watson und Crick beschlossen daher, den Spuren von Pauling zu folgen:
Alles, was wir zu tun hatten, war, einen Satz Molekülmodelle zu bauen und damit zu spielen - wenn wir ein bißchen Glück hatten, würde die Struktur eine Spirale sein. Jede andere Art der Anordnung würde sich als ungleich komplizierter erweisen. Aber solange die Möglichkeit einer einfachen Lösung nicht ganz auszuschließen war, wäre es ja verrückt gewesen, sich wegen etwaiger Komplikationen Sorgen zu machen. Pauling hatte seien Erfolge auch nicht dadurch erzielt, dass er das Haar in der Suppe suchte. 
Der Fortgang ihrer Experimente zeigte jedoch, dass die Lösung komplizierter war als bei der Entdeckung der Alpha-Spirale:
In der Alpha-Spirale ist eine einzige Polypetidkette (Polypetid = Ansammlung von Aminosäuren) zu einem spiralförmigen Gebilde eingerollt, das durch Wasserstoffbindungen zwischen Gruppen derselben Kette zusammengehalten wird. Aber nach dem, was Maurice Francis erzählt hatte, war der Durchmesser eines DNS-Moleküls größer, als dies der Fall sein würde, wenn nur eine einzige Polynukleotidkette (Polynukleotid = Ansammlung von Nukleotiden) vorhanden war. Das hatte ihn auf den Gedanken gebracht, das DNS-Molekül könne eine mehrsträngige aus mehreren untereinander geschlungenen Polynukleotidketten bestehende Spirale sein. 
Erst nach unzähligen fehlgeschlagenen Versuchen kam Watson die entscheidende Idee:
Plötzlich erkannte ich die möglicherweise ungeheure Tragweite einer DNS-Struktur, in der die Adenin -Reste Wasserstoffverbindungen bildeten, wie sie ganz ähnlich in Kristallen von reinem Adenin vorkamen. Wenn die DNS tatsächlich diese Eigenschaft hatte, dann bildete jeder Adenin-Rest zwei Wasserstoffbindungen mit einem anderen Adenin-Rest, der im Verhältnis zu ihm um 180 Grad gedreht war.  ... Trotz des verkorksten Skeletts begann mein Puls schneller zu gehen. Wenn die DNS wirklich so aussah, und ich meine Entdeckung bekannt gab, würde die Nachricht wie eine Bombe einschlagen. Die Existenz zweier verschlungener Ketten mit identischen Basenfolgen konnte kein bloßer Zufall sein. 
An der Entdeckung der Doppel-Helix waren neben Watson und Crick noch andere Forscher - direkt oder indirekt - beteiligt. Neben Pauling waren das Erwin Chargaff, der übrigens kein gutes Haar an Watson und Crick ließ, Maurice Wilkins und vor allem Rosalind Franklin.  Einige halten Franklin für die eigentliche Entdeckerin der Doppel-Helix. Der Beitrag Die vergessene Entdeckerin der Doppelhelix ist dafür stellvertretend. 

Vor einigen Jahren sorgte James Watson für Empörung, als er sich mit der Aussage zitieren ließ, die Intelligenz der verschiedenen Ethnien sei unterschiedlich,  woraufhin ihm das Cold Spring Harbor Laboratory die Position als Kanzler entzog. 

Wir und die Maschinen, die wir geschaffen haben, bilden ein Kontinuum (Bruce Mazlish)

Unsere Hybris, die nach Freuds Einsichten in die Tiefe der Seele erneut (nach Darwin) erschüttert worden ist, könnte noch weiter schwinden mit der Erkenntnis, dass wir und die Maschinen, die wir geschaffen haben, ein Kontinuum bilden, selbst wenn dieses Kontinuum ein anderes ist, als das, was uns mit den Tieren verbindet. Die Kontinuität, von der ich spreche, entsteht mit der Anerkennung der biologisch-kulturellen Evolution der Menschheit, die uns zu dem Bewusstsein zwingt, dass Werkzeuge und Maschinen von unserem, nach Entwicklung drängenden Wesen nicht zu trennen sind. Durch die im Computer gipfelnde technische Entwicklung ist unübersehbar geworden, dass die Erklärungsmodelle der Mechanik auch dem Verständnis des menschlichen Tieres dienen - und umgekehrt, insofern unsere Einsichten in das menschliche Gehirn Licht werfen auf die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz. Dieser Blick auf die Koevolution von Mensch und Maschine hat nun seinerseits etwas Erhabenes, bei allen Gefahren, die auch in Zukunft auf uns lauern. Nur handelt es sich diesmal um Gefahren, die wir uns selbst geschaffen haben.
Quelle: Faustkeil und Elektronenrechner. Die Annäherung von Mensch und Maschine 

Samstag, 8. April 2017

Der Wert der wissenschaftlichen Entdeckung bemisst sich nicht nach ihrer bürgerlichen Nützlichkeit (Franz Marc)

Der Wert der wissenschaftlichen Entdeckungen bemisst sich nicht nach ihrer zufälligen und ihnen heimlich abgelockten, bürgerlichen Nützlichkeit, sondern durchaus nach dem Grade, mit dem sich unser geistiges Auge neu orientiert. Alle Entdeckungen sind nur rein geistige Wandlungen und Verschiebungen der Erkenntnisbasis. 
Wir zerlegen heute die keusche, spröde, immer täuschende Natur und fügen sie nach unserem Willen wieder zusammen. Wir blicken durch die Materie und der Tag wird nicht ferne sein, an dem wir durch ihre Schwingungsmasse hindurchgreifen werden wie durch Luft. 
Stoff ist etwas, das der Mensch höchstens noch duldet, aber nicht anerkennt. Wir müssen verlernen, in diesen Dingen nur glänzende Tricks und Exzentriks unseres praktischen Wissens zu sehn statt Geist, révélation, Offenbarung. 
Stoff und Raum verlieren für uns ihre Grenzen, ihre gotische Begrenztheit. 
Alles ist für unser Auge neu figuriert. 
Quelle: Franz Marc Schriften, hrsg. von Klaus Lankheit

Wirtschaftliche Einigung Europas (Raymond Aron)

Die Schaffung regional ausgeglichener Wirtschaftsräume ist die Antwort auf den Zusammenbruch der freien Weltwirtschaft. Sie wurde von Theoretikern und Wirtschaftsplanern erfunden, die ihre gedachte und errechnete Ordnung nicht mehr im Rahmen einer nationalen Wirtschaft unterbringen konnten und deshalb in Wirtschaftszonen zu denken begannen. So wurde Europa kurzerhand aus politischen und moralisch-sentimentalen Gesichtspunkten zur Wirtschaftszone erklärt, ohne dass man die Frage genau studiert hätte. Dei natürlichen Gegebenheiten stehen dem Zusammenschluss Europas nicht im Wege, sie sind aber auch nicht solcher Art, dass sie den Zusammenschluss gebieterisch fordern müssen. Die Vorteile eines wirtschaftlichen Zusammenschlusses Europas sind aber wenigstens für die nahe Zukunft denen der nationalen Einheiten nicht wesentlich überlegen. Vor allem sieht man nicht, welchen Vorteil Großbritannien aus dem Zusammenschluss ziehen sollte. Die Frage, die von Sachverständigen, wenn nicht öffentlich, so doch in privaten Gesprächen immer wieder gestellt wird, ist deshalb verständlich: Lohnt es sich, eine Zwischenzone Europa zu schaffen, die zwischen den Nationen und einer Weltordnung steht?
Quelle: Im Kampf gegen die modernen Tyranneien. Ein Raymond Aron-Brevier

Der Konformitätsdruck im Wissenschaftsbetrieb

Von Ralf Keuper

In einem Leserbrief in der FAZ (An den Alphatieren kommt niemand vorbei) vom 4.04.17 nimmt Urich Weißer den Konformitätsdruck im heutigen Wissenschaftsbetrieb ins Visier. Dabei erwähnt er u.a. Ludwik Fleck, der mit seinen Veröffentlichungen zum Denkstil bzw. Denkkollektiven das Phänomen des Gruppendenkens bereits vor einigen Jahrzehnten beschrieben hat. Ludwig Fleck ist nebenbei auch der Namensgeber dieses Blogs - Denkstil. 

Hier ein Auszug:
In der Universität verläuft die Karriere über Diplom, Promotion, Habilitation. Diese haben nicht etwa den Zweck, zu prüfen, ob jemand eigenständig wissenschaftlich arbeiten kann. Es wird geprüft, ob sich jemand im gewohnten Rahmen hält und ausgiebig die anerkannten Autoritäten zitiert. In jeder Wissenschaft gibt es die Multifunktionäre, die auf jeder Tagung das Eingangsreferat halten, die in der Berufungskommission bestimmen, wer Professor wird und die als Mitherausgeber der Zeitschrift bestimmen, was veröffentlich wird. Kurz: An diesen Alphatieren kommt keiner vorbei.Seit Ludwik Fleck und Thomas S. Kuhn .. wissen wir, dass es in jedem Fach Paradigmen gibt, die als selbstverständliche und unbezweifelbare Grundlage gelten und innerhalb der Gemeinschaft der Wissenschaftler bestimmen, was und vor allem mit welcher Methode erforscht wird. ...
Als Beispiel nennt Weißer die Wirtschaftswissenschaften, die hartnäckig an überholten Modellen festhalten, wie am nutzenmaximierenden Homo Oeconomicus:
Als Nutzen gilt jeweils das, wonach sie streben. Der Satz "Alle Verbraucher streben nach Nutzenmaximierung" ist entsprechend Karl Popper .. kein wissenschaftlicher Satz, weil keine Beobachtung angeben werden kann, die diesen Satz falsizifizieren könnte. Es steht logisch auf derselben Stufe wie "Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter, oder es bleibt, wie es ist". Aus den offensichtlich unzutreffenden oder immer zutreffenden und daher belanglosen Obersätzen werden in der Wirtschaftstheorie kunstvolle Schlüsse gezogen, die aber lediglich auf ihre interne Widerspruchslosigkeit geprüft werden und nicht auf ihre Relevanz. 

Sonntag, 2. April 2017

Unsere Zukunft und Goethe (Karl Jaspers)

Von Ralf Keuper

Mit seiner Rede Unsere Zukunft und Goethe aus Anlass der Überreichung des Goethepreises der Stadt Frankfurt, sorgte Karl Jaspers im Jahr 1947 für einige Irritation im deutschen Bildungsbürgertum, worüber damals u.a. die Zeit in Karl Jaspers über Goethe berichtete. Darin schreibt Robert Strobel: 
Goethe – darin gipfelt Jaspers Deutung – war vielleicht der einzige Mensch. der sich in solcher Vollständigkeit verwirklicht hat und durch Selbstdarstellung zum Bild wurde, Er ist uns kein Mythos, sein Leben ist keine Legende. Wir können mit ihm leben und damit vielleicht erst eigentlich zum Deutschen und zum Menschen werden. Aber wir dürfen Goethe auch nicht übersteigern. Seine schöpferische Gestaltung, der Naturanschauung ist unbestritten, aber diese gesamte Erkenntnis hat nichts zu tun mit dem eigentümlichen Aspekt der modernen Naturwissenschaft. Goethes geradezu leidenschaftliche Ablehnung Newtons verrät seine heimliche Furcht vor der heraufkommenden, auf der gewaltigen Abstraktion der modernen Naturbeherrschung beruhenden Welt, von der er ahnte, daß sie die Werte, die ihm teuer wären, in Gefahr bringen werde. Die Aufgabe, in dieser neuen Welt einen Weg zu finden, erklärte er nicht, sondern blieb in Bildern und Kategorien der alten Welt befangen, die für uns unzureichend sind. Uns ist die technische Welt Schicksal. Wir müssen – Goethe zum Trotz – diese Aufgabe ergreifen, wenn wir leben wollen.
Weiterhin:
Es gibt eine Grenze des Menschen, um die Goethe weiß, vor der er aber zurückweicht aus Furcht, er könnte an ihr zerbrechen. Er wehrt sich gegen Kants Wissen um das Radikal-Böse. Das ist die zweite Grenze, an der er stehen blieb, während uns das Schicksal weit über sie hinausgetragen hat. Aber es gibt noch eine dritte. Goethe hatte; wie ihm Kierkegaard vorwarf, kein Pathos. Wenn eine Situation für ihn kritisch wird, springt er ab, er dichtet sie.
Zu guter letzt:
Vor uns steht, wenn wir geistig weiterleben wollen, die Notwendigkeit einer Revolution auch der Goethe-Aneignung. Diese bedeutet, Wahrhaftigkeit zeigen, keinen Menschen vergöttern, keinen Kult treiben.
Die Rede blieb nicht ohne Widerspruch. In Goethe oder Jaspers äußerte sich der Romanist Ernst Robert Curtius kritisch zu den Aussagen Japsers'. 
Ich glaube nicht der einzige Bewohner des deutschen Sprachgebietes zu sein, der die überhebliche Abkanzelung Goethes durch einen Jaspers als Mißton im deutschen Geisterkonzert empfunden hat.
Kritik an Goethe zu üben war gewiss nicht nur für Curtius ein Fall von Majestätsbeleidigung. Ob Curtius in dieser Frage als Instanz sprechen konnte, darf nach der Lektüre von Ernst Robert Curtius und die Romanistik während der Nazizeit bezweifelt werden. 

Nah bei der Position von Karl Jaspers liegt Denis de Rougemont, unter Berufung auf Kierkegaard,  in seinem Journal aus Deutschland 1935-1936:
Sollte dieser unruhige, aber äußerst geschickte Humanist (Goethe) ein ernsthaftes Hindernis für das Werk der Verherrlichung der menschlichen, rein menschlichen Kräfte darstellen, die das Hitlertum verkörpert? Würde er nicht zwanzig Gründe finden, genau wie so viele Angehörige des Bürgertums, eine vermeintlich vorübergehende Tyrannei hinzunehmen, aus der vielleicht ein neuer Mensch, ein neues Glück, ein besser begründetes Glück entstehen wird? Goethe war der erste, der uns lehrte, unser Leben in der biographischen und historischen Dauer zu betrachten, vor der sich der einzelne Augenblick relativiert. Auf diese Weise verlieren die letzten Entscheidungen ihre absolute Dringlichkeit. 
In seinem Buch Die großen Philosophen schreibt Jaspers unter dem Abschnitt Gegen die Menschenvergötterung:
Ehrfurcht vor der Größe ist nicht Menschenvergötterung. Jeder Mensch, auch der größte, seltenste, kostbarste, bleibt Mensch. Er ist von unserer eigenen Art. Nicht Kult ist ihm angemessen, sondern das Sehen seiner Wirklichkeit in ihrer Schleierlosigkeit, in der die Größe erst gewiss wird. Nicht in der Myhtisierung ist das Große zu bewahren, sondern im Erblicken der gesamten Realität des großen Menschen. 
Wenige Seiten zuvor schrieb Jaspers:
Größe ist für uns noch nicht da, wenn wir Quantitatives bestaunen, wenn wir etwa am Maß unserer Ohnmacht die Macht derer wahrnehmen, die uns beherrschen. Wir sehen auch noch nicht die menschliche Größe, wenn unser Drang zur Unterwerfung uns die Verantwortung abnimmt, wenn diese Lust am Sklavensein unseren Blick trübt und einen Menschen übersteigert. 
Heftig am Goethe-Mythos rüttelte Tilmann Jens in Goethe und seine Opfer! Eine Schmähschrift.  

Sonntag, 26. März 2017

Protestantische Frömmigkeit birgt in allem Gewissensernst spezifische Gefährdungspotenziale

Protestantische Frömmigkeit birgt in allem Gewissensernst spezifische Gefährdungspotenziale: Indem der Protestant stärker als der Katholik auf sich selber gestellt ist, ist er auch gefährdeter, labiler. Ihm fehlen die rituellen, sakramentalen Entlastungen durch eine starke Institution. Sofern sich überhaupt der Idealtyp eines "protestantischen Menschen" beschreiben lässt, muss dieses Zurückgeworfensein auf die eigene Subjektivität ein zentrales Element bilden. Die protestantische Persönlichkeit ist in sich widersprüchlicher, zerrissener als die des institutionendefinierten Katholiken: himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, beides eng miteinander verknüpft, aber immer geprägt von einem extrem hohen religiös-moralischen Anspruch.

Protestanten standen deshalb fortwährend in der Gefahr, einer weltlichen Autorität jenen religiösen Kredit zu geben, den sie dem Papst einst verweigert hatten. Ungleich stärker als die katholischen Theologen waren protestantische Intellektuelle bereit, reformatorische Überlieferung mit allen möglichen modernen Ideen zu verbinden. Vor allem die deutschen Nationalismen wurden primär mit protestantischen Integrationsmustern konstruiert, die, so die Hoffnung, langfristig auch die Katholiken in die deutsch-protestantische Gemeinschaft einbinden könnten.
Quelle: Der Protestantismus. Geschichte und Gegenwart. Von Friedrich Wilhelm Graf

Sonntag, 12. März 2017

Geschichte ohne Epochen? (Jacques Le Goff)

Von Ralf Keuper 

Woher stammt das Bedürfnis, die Zeit in Epochen einzuteilen, warum hat die Periodisierung in der Geschichtswissenschaft eine so große Bedeutung? Der berühmte französische Historiker Jacques Le Goff liefert in seinem letzten Buch Geschichte ohne Epochen? einige Antworten.  

Die These seines Buches fasst Le Goff in die Worte:
Der Begriff "Periodisierung" ist der Leitfaden dieses Essays. Er bezeichnet einen menschlichen Eingriff in die Zeit und unterstreicht, dass ihre Einteilung nicht wertfrei ist. Hier sollen die mehr oder weniger erklärten, mehr oder weniger eingestandenen Gründe aufgezeigt werden, warum die Menschen die Zeit in Perioden eingeteilt haben, oft mit Definitionen versehen, die den ihnen beigemessenen Sinn und Wert hervorheben. 
Etwas später schreibt er:
Auch wenn die Periodisierung hilft, die Zeit oder vielmehr den Umgang mit ihr zu beherrschen, ist sie für die Einschätzung der Vergangenheit manchmal problematisch. Die Geschichte zu periodisieren ist ein komplexer Vorgang, sowohl behaftet mit Subjektivität als auch mit dem Bestreben, ein mehrheitsfähiges Ergebnis zu erzielen. 
Als Paradebeispiel für die Periodisierung mit all ihren Vor- und Nachteilen wählt Le Goff die Renaissance. 

Wie andere Historiker auch, wendet sich Le Goff gegen die Behauptung, das Mittelalter sei ein dunkles Zeitalter gewesen, das von Rückschritten in fast allen Lebensbereichen geprägt war. Im Vergleich dazu erschien die Antike wie ein verloren gegangenes Paradies, an dessen Leistungen wieder anzuknüpfen sei. Notwendig war eine Wiedergeburt der Antike - die Renaissance. Der Begriff der Renaissance wurde jedoch erst im 19. Jahrhundert von Jules Michelet in die Geschichtswissenschaften eingeführt. Vor Michelet war es der italienische Dichter Petrarca, der als erster den Ausdruck "Mittelalter gebraucht hat. Damit war eine Epoche gemeint, die zwischen der Antike und dem neuen Zeitalter lag - daher Mittelalter. 

Da die Renaissance keinen Bruch mit dem vorangegangen Zeitalter markierte, sieht sich Le Goff veranlasst, vom "Langen Mittelalter" zu sprechen:
Jetzt gilt es aufzuzeigen, dass es sowohl auf wirtschaftlichem, politischem und sozialem als auch auf kulturellem Gebiet im 16. Jahrhundert, eigentlich sogar bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, keine grundlegende Veränderung gegeben hat, die eine Trennung zwischen dem Mittelalter und einer neuen, anderen Periode, die dann Renaissance wäre, rechtfertigen würde. 
Le Goff bestreitet den Wert der Periodisierung für die Geschichtswissenschaft keineswegs; jedoch mahnt er dazu, die Dauer der Epochen nicht zu unterschätzen, und zeitweilige Brüche nicht überzubewerten und sogleich mit einem neuen Zeitalter gleichzusetzen:
Ich für meinen Teil glaube, dass wir der Wirklichkeit und einer Periodisierung, die einen zugleich bequemen als auch ergiebigen Gebrauch der Geschichte zulässt, näher kommen, wenn wir in Betracht ziehen, dass lange Perioden von zwar wichtigen, allerdings nicht entscheidenden Phasen der Veränderung geprägt sind: Unterperioden, die man im Falle des Mittelalters "Renaissancen" nennt, um das Neue mit der Vorstellung einer Rückkehr zu einem goldenen Zeitalter zu kombinieren.  
Mit ähnlichen Fragen wie Le Goff haben sich Reinhart Koselleck in Zeitschichten und Heinz-Dieter Kittsteiner in Die Stabilisierungsmoderne beschäftigt. 

Sonntag, 5. März 2017

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus Philosophie und Wissenschaft #31

Von Ralf Keuper

Erneut eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

Samstag, 4. März 2017

Magellans genialer Irrtum

Immer kann, wenn vom Genius berührt, wenn vom Zufall geführt, auch aus dem narrenhaftesten Irrtum eine höchste Wahrheit entstehen. Zu Hunderten und Tausenden zählen die wichtigen Erfindungen, die auf jedem Gebiet der Wissenschaft von falschen Hypothesen hervorgerufen worden sind. Nie hätte Columbus sich ins Weltmeer gewagt ohne jene Karte Toscanellis, die absurd falsch den Erdumfang berechnete und ihm vortäuschte, in kürzester Zeit an der Ostküste Indiens landen zu können. Nie hätte Magellan einen Monarchen überreden können, ihm eine Flotte zu übergeben, hätte er nicht mit solcher narrenhaften Sicherheit an jene unrichtige Karte Behaims und jene phantastischen Berichte der portugiesischen Piloten geglaubt. Nur indem er ein Geheimnis zu wissen glaubte, konnte Magellan das größte geographische Geheimnis seiner Zeit lösen. Nur weil er sich mit ganzer Seele hingab an einen vergänglichen Wahn, entdeckte er eine unvergängliche Wahrheit.
Quelle: Stefan Zweig: Magellan. Der Mann und seine Tat 

Sonntag, 19. Februar 2017

Winston Churchill als vorausschauender (Natur-)Wissenschaftler

Von Ralf Keuper

Dass Winston Churchill vielseitig interessiert und begabt war, ist bekannt; schließlich erhielt er für seine historischen Schriften, insbesondere für sein sechsbändiges Werk "Der Zweite Weltkrieg", den Literaturnobelpreis. Daneben befasste sich Churchill mit naturwissenschaftlichen Fragen, wobei er zu Einsichten kam, die erst Jahrzehnte später von der Forschung aufgegriffen bzw. bestätigt wurden. Davon zeugt ein bisher unveröffentlichtes Manuskript aus dem Jahr 1939. Darin widmete sich Churchill der Frage nach den Voraussetzungen von Leben im Kosmos: Gibt es neben dem Menschen noch andere Formen höherer Intelligenz? Churchill hielt es für wahrscheinlich. 

Churchill bemerkte dazu: 
Ich für meinen Teil bin nicht so ungemein beeindruckt vom Erfolg unserer Zivilisation hier, dass ich mir vorstellen könnte, dass wir der einzige Ort in diesem riesigen Universum sein sollten, der Leben beherbergt, denkende Wesen, oder dass wir die höchste Form von mentaler und physischer Entwicklung besitzen sollten, die jemals in diesem unermesslichen Bereich von Raum und Zeit aufgetaucht ist.
Über Churchills (kosmischen) Denkstil schreibt Sibylle Anderl in der FAZ vom 17.02.2017:
Zu beginnen mit einer klaren Definition, worum es gehen soll, einer Diskussion der für die Frage relevanten Beobachtungen und Prozesse, um schließlich zu einem wohlbegründeten Fazit zu gelangen, nicht ohne zugrundeliegende Hypothesen offenzulegen und deren Konsequenzen zu prüfen. Es ist diese wissenschaftlich anmutende, rhetorische Grundfigur, die der differenzierten und wohlinformierten Begründung von Thesen zentralen Raum zuweist, die wir heute oft schon im öffentlichen Diskurs .. vermissen. 

Sonntag, 22. Januar 2017

Wir alle spielen Theater (Erving Goffman)

Die Darstellung der eigenen Arbeit vor den Augen anderer besteht nicht allein darin, unsichtbare Kosten in sichtbare zu verwandeln. In vielen Fällen ist die Tätigkeit einer Person von einem bestimmten sozialen Rang so wenig dazu geeignet, diesen Rang offenbar zu machen, dass der Darsteller einen beträchtlichen Teil seiner Energie auf die Aufgabe verwenden muss, seine Rolle wirkungsvoll zu gestalten, und diese auf Übermittlung gerichtete Tätigkeit verlangt häufig gerade andere Eigenschaften als die, die dramatisch dargestellt werden sollen. So muss etwa der Hausbesitzer, um ein Haus so einzurichten, dass es ruhige und schlichte Würde repräsentiert, auf Auktionen rennen, mit Antiquitätenhändlern feilschen und alle Läden am Ort nach geeigneten Tapeten und Vorhangstoffen durchstöbern. Will er eine Ansprache im Radio halten, die wirklich zwanglos, spontan und natürlich wirkt, ist der Sprecher genötigt, sein Manuskript sorgfältig vorzubereiten und Satz für Satz zu prüfen, um die Aussage entsprechend zu formulieren, sich dem Rhythmus und der Geschwindigkeit der Alltagssprache anzupassen. Ebenso ist ein Photomodell von "Vogue" imstande, durch Kleidung, Haltung und Gesichtsausdruck Verständnis für das Buch auszudrücken, das es in der Hand hält; aber diejenigen, die sich so sehr um den angemessenen Ausdruck bemühen, finden meisten sehr wenig Zeit zum Lesen. .. 
So findet sich der Einzelne häufig im Widerstreit zwischen Ausdruck und Handeln. Gerade diejenigen, die genügend Zeit und Talent haben, eine Aufgabe gut zu erfüllen, haben manchmal deswegen weder die Zeit noch das Talent, anderen vorzuführen, wie gut sie sie erfüllen. Man kann sagen, dass einige Betriebsorganisationen dieses Dilemma so lösen, dass sie die dramatische Funktion offiziell einem Spezialisten übertragen, der seine Zeit darauf verwendet, die Bedeutung der Aufgabe auszudrücken, und keine Zeit, sie tatsächlich zu erfüllen.
Quelle: Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag  

Montag, 16. Januar 2017

Wandel des Weltbildes: Naturwissenschaften und Technik

Zwei Traditionen, die scholastisch-humanistische und die handwerkliche, kann man an vielen Stellen der beginnenden Naturwissenschaft nachweisen, noch bei Galilei. So findet man die erstere etwa in der äußeren Gestaltung und der Argumentationsführung seiner Werke als platonische Dialoge und die zweite sehr stark in seinem Hauptwerk den "Discorsi" 1638, in dem der erste Teil ganz der Technik gewidmet ist und auch vom "Arsenal" in Venedig, als Sammlungsstätte aller Maschinen, ausgeht.
Der säkuläre Fortschrittsbegriff entwickelte sich langsam. Zunächst war es nur möglich, traditionelle Autoritäten anzugreifen, wenn man andere traditionelle Autoritäten dagegen aufbieten konnte. Das war schon im Kommentar mittelalterlicher Vorlesungen geübt worden. So konnte Copernicus Ptolemäus und Aristoteles angreifen, indem er sich auf Plato, Herakleides, Aristach und deren Vorstellungen zur bewegten Erde berief. Ähnlich bekämpfte Martin Luther die Tradition des Katholizismus mit dem Rückgriff auf das Urchristentum und auf den griechischen Urtext der Bibel - gegen den lateinischen der "Vulgata". Ähnlich bekämpfte Machiavelli die existierenden Staatstheorien mit dem Rückgriff auf das Vorbild der römischen "res publica". Das fand alles kurz nach 1500 statt. 
Quelle: Jürgen Teichmann: Wandel des Weltbildes. Astronomie, Physik und Meßtechnik in der Kulturgeschichte