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Sonntag, 22. Januar 2017

Wir alle spielen Theater (Erving Goffman)

Die Darstellung der eigenen Arbeit vor den Augen anderer besteht nicht allein darin, unsichtbare Kosten in sichtbare zu verwandeln. In vielen Fällen ist die Tätigkeit einer Person von einem bestimmten sozialen Rang so wenig dazu geeignet, diesen Rang offenbar zu machen, dass der Darsteller einen beträchtlichen Teil seiner Energie auf die Aufgabe verwenden muss, seine Rolle wirkungsvoll zu gestalten, und diese auf Übermittlung gerichtete Tätigkeit verlangt häufig gerade andere Eigenschaften als die, die dramatisch dargestellt werden sollen. So muss etwa der Hausbesitzer, um ein Haus so einzurichten, dass es ruhige und schlichte Würde repräsentiert, auf Auktionen rennen, mit Antiquitätenhändlern feilschen und alle Läden am Ort nach geeigneten Tapeten und Vorhangstoffen durchstöbern. Will er eine Ansprache im Radio halten, die wirklich zwanglos, spontan und natürlich wirkt, ist der Sprecher genötigt, sein Manuskript sorgfältig vorzubereiten und Satz für Satz zu prüfen, um die Aussage entsprechend zu formulieren, sich dem Rhythmus und der Geschwindigkeit der Alltagssprache anzupassen. Ebenso ist ein Photomodell von "Vogue" imstande, durch Kleidung, Haltung und Gesichtsausdruck Verständnis für das Buch auszudrücken, das es in der Hand hält; aber diejenigen, die sich so sehr um den angemessenen Ausdruck bemühen, finden meisten sehr wenig Zeit zum Lesen. .. 
So findet sich der Einzelne häufig im Widerstreit zwischen Ausdruck und Handeln. Gerade diejenigen, die genügend Zeit und Talent haben, eine Aufgabe gut zu erfüllen, haben manchmal deswegen weder die Zeit noch das Talent, anderen vorzuführen, wie gut sie sie erfüllen. Man kann sagen, dass einige Betriebsorganisationen dieses Dilemma so lösen, dass sie die dramatische Funktion offiziell einem Spezialisten übertragen, der seine Zeit darauf verwendet, die Bedeutung der Aufgabe auszudrücken, und keine Zeit, sie tatsächlich zu erfüllen.
Quelle: Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag  

Montag, 16. Januar 2017

Wandel des Weltbildes: Naturwissenschaften und Technik

Zwei Traditionen, die scholastisch-humanistische und die handwerkliche, kann man an vielen Stellen der beginnenden Naturwissenschaft nachweisen, noch bei Galilei. So findet man die erstere etwa in der äußeren Gestaltung und der Argumentationsführung seiner Werke als platonische Dialoge und die zweite sehr stark in seinem Hauptwerk den "Discorsi" 1638, in dem der erste Teil ganz der Technik gewidmet ist und auch vom "Arsenal" in Venedig, als Sammlungsstätte aller Maschinen, ausgeht.
Der säkuläre Fortschrittsbegriff entwickelte sich langsam. Zunächst war es nur möglich, traditionelle Autoritäten anzugreifen, wenn man andere traditionelle Autoritäten dagegen aufbieten konnte. Das war schon im Kommentar mittelalterlicher Vorlesungen geübt worden. So konnte Copernicus Ptolemäus und Aristoteles angreifen, indem er sich auf Plato, Herakleides, Aristach und deren Vorstellungen zur bewegten Erde berief. Ähnlich bekämpfte Martin Luther die Tradition des Katholizismus mit dem Rückgriff auf das Urchristentum und auf den griechischen Urtext der Bibel - gegen den lateinischen der "Vulgata". Ähnlich bekämpfte Machiavelli die existierenden Staatstheorien mit dem Rückgriff auf das Vorbild der römischen "res publica". Das fand alles kurz nach 1500 statt. 
Quelle: Jürgen Teichmann: Wandel des Weltbildes. Astronomie, Physik und Meßtechnik in der Kulturgeschichte